Das Wichtigste in Kürze
- Stabile Beziehungen zu Bezugspersonen sind die Grundlage für sozial-emotionale Entwicklung – Trägerwechsel mit Kündigung und Neuanstellung gefährden diese Bindung
- Bis zu 27 Kinder pro Gruppe machen individuelle Förderung emotionaler und sozialer Kompetenzen nahezu unmöglich
- 54 neue Dienstposten und Platzausbau sind Schritte in die richtige Richtung, aber ohne bessere Rahmenbedingungen bleiben sie Stückwerk
Grazer Kitas: Wie Übernahme-Chaos und Gruppengröße Kinder belasten
Letzten Sonntag war ich mit meiner Freundin Traude beim Heurigen in Grinzing. Die Traude hat früher mit mir zusammen die Kita in der Seestadt geleitet, bevor ich in Pension gegangen bin. Wir sitzen also da, ein Spritzer, ein Brettljausn, und sie erzählt mir von ihrer Nichte in Graz. Die hat einen zweijährigen Buben, der geht in die Kinderkrippe Ghegagasse. Und was soll ich sagen – die Gschicht, die mir die Traude da erzählt hat, hat mir die Petersilie aus dem Topfenstrudel gezogen.
Denn was gerade in Graz in der Kinderbetreuung passiert, das trifft die Kleinsten genau dort, wo es am meisten weh tut: in ihrer sozial-emotionalen Entwicklung. Und da geht es nicht um irgendein pädagogisches Modewort. Es geht um Bindung. Um Vertrauen. Um die Frage, ob ein Kind das Gefühl hat: Da ist jemand, der mich sieht.
Die Ghegagasse: Wenn Erwachsene entscheiden und Kinder verlieren
In der Kinderkrippe Ghegagasse übernimmt die Stadt Graz die Trägerschaft von Wiki. Klingt erstmal nach Verwaltungsakt. Ist es aber nicht. Denn was da passiert, ist schon ein starkes Stück: Die bestehenden Dienstverhältnisse werden beendet. Die Mitarbeiterinnen – die Bezugspersonen, die die Kinder jeden Tag begrüßen, trösten, wickeln, füttern – müssen sich neu bewerben. Kündigung plus Neuanstellung. Und für nicht-muttersprachliche Mitarbeiterinnen gibt es jetzt eine B2-Deutschkurs-Pflicht, die sie selbst bezahlen müssen.
Jetzt stell ich mir das mal ganz praktisch vor. Der kleine Paul, zwei Jahre alt, hat seit September seine Lieblingspädagogin. Sie weiß, dass er beim Abschied von der Mama immer das rote Feuerwehrauto braucht. Sie weiß, dass er beim Mittagessen keine Karotten mag und dass er nach dem Schlafen zuerst fünf Minuten auf ihrem Schoß sitzen muss, bevor er bereit ist für den Nachmittag. Das hat sich über Monate aufgebaut, das ist Beziehung, das ist Bindung.
Und dann ist diese Pädagogin plötzlich weg. Nicht weil sie gekündigt hat. Nicht weil sie umzieht. Sondern weil ein Trägerwechsel sie zwingt, sich auf ihren eigenen Job neu zu bewerben. Die Eltern in der Ghegagasse fürchten genau das: Beziehungsabbrüche für ihre Kinder.
Von offizieller Seite heißt es, die Übernahme sei positiv und sinnvoll, man sichere wertvolle Kinderbetreuungsplätze. Da muss ich schon schlucken. Plätze sichern ist schön und gut. Aber wer sichert die Beziehungen?
Was Bindung mit Entwicklung zu tun hat
Ich hab in meinen 30 Jahren als Kindergartenleiterin eines gelernt: Kinder entwickeln sich nicht im luftleeren Raum. Ein Kind, das sich emotional sicher fühlt, das eine stabile Bindung zu mindestens einer Bezugsperson in der Einrichtung hat – dieses Kind traut sich, die Welt zu entdecken. Es geht auf andere Kinder zu. Es probiert Sachen aus. Es hält Frust aus. Es lernt, dass nach einem Konflikt nicht die Welt untergeht, weil da jemand ist, der es auffängt.
Entscheidend für die sozial-emotionale Entwicklung sind wiederkehrende Muster über verschiedene Situationen hinweg. Wie schnell kommt ein Kind nach Frustration wieder ins Handeln? Wie reagiert es auf Grenzen, auf Übergänge, auf Gruppensituationen? Diese Muster erkennt nur, wer das Kind über Monate begleitet. Nicht wer alle paar Wochen wechselt.
Und genau hier setzt das nächste Problem an.
27 Kinder in einer Gruppe – wie soll das gehen?
Viele Eltern und Pädagogen stellen sich schon lange die Frage: Darf das tatsächlich sein, bis zu 27 Kinder in einer Gruppe?
Ich sag Ihnen, wie das in der Praxis ausschaut. In meiner aktiven Zeit hatte ich einmal eine Gruppe mit 25 Kindern, weil zwei Kolleginnen gleichzeitig im Krankenstand waren und wir keine Springerin bekommen haben. An dem Tag habe ich zwischen zehn und zwölf Uhr genau drei Konflikte begleiten können, zwei Kinder getröstet, eines gewickelt und zwischendurch musste ich noch einen Streit um die Bauecke schlichten, bei dem ein Kind das andere gebissen hat. Für die anderen 22 Kinder war ich an dem Vormittag eine warme Mahlzeit ausgebende Aufsichtsperson. Mehr nicht.
Und das war ein Ausnahmetag. In der Steiermark ist das offenbar Normalität. Je mehr Kinder pro Gruppe, desto weniger individuelle Zuwendung für emotionale Bedürfnisse. Aber was heißt das konkret? Das heißt: Der Dreijährige, der gerade gelernt hat, seinen Ärger nicht mehr mit Beißen auszudrücken, der kriegt in dem Moment, wo er es am meisten braucht, kein Gegenüber, das ihm hilft. Die Vierjährige, die sich nicht traut, in der Bauecke mitzuspielen, bleibt allein in der Puppenecke sitzen, weil niemand Zeit hat, sie an die Hand zu nehmen.
Was wir in der Praxis schon lange wissen: Soziale Kompetenzen müssen schon im Kindergarten trainiert werden. Das ist keine optionale Dreingabe zum Basteln und Singen. Das ist die Grundlage für alles andere. Aber wie soll ein Kind soziale Kompetenz üben, wenn das Gegenüber fehlt?
Das stille Drama der fehlenden Basiskompetenzen
Mir als alter Kindergartenleiterin treibt es die Schamesröte ins Gesicht, wenn ich höre: Lehrer schlagen Alarm, Kinder wissen nicht, wie man aufs Klo geht.
Da geht es nicht um Kinder mit besonderen Bedürfnissen. Da geht es um ganz normale Schulanfänger, die nicht wissen, wie sie eigenständig die Toilette benutzen. Das sind Kompetenzen, die im Kindergartenalter erworben werden sollten – eigentlich. Aber wenn eine Pädagogin 27 Kinder betreut, dann ist Sauberkeitserziehung halt das, was als erstes unter den Tisch fällt. Nicht weil sie es nicht wichtig findet. Sondern weil sie schlicht keine Zeit hat, das einzelne Kind zu begleiten, zu ermutigen, zu loben, dranzubleiben.
Und das ist ja nur die Spitze des Eisbergs. Was ist mit dem Kind, das nicht gelernt hat, einen Konflikt mit Worten zu lösen? Was ist mit dem Kind, das nie gelernt hat, seine Wut zu regulieren, weil in all den Jahren niemand daneben saß und gesagt hat: „Ich sehe, du bist jetzt richtig wütend. Komm, wir atmen einmal gemeinsam durch“?
Das sind keine Luxusprobleme. Das sind die Grundlagen für ein funktionierendes Miteinander in der Schule und später im Leben.
1.237 Kinder auf der Warteliste – und trotzdem kein Platz für Qualität
1.237 steirische Kinder stehen noch auf der Warteliste für einen Krippen- oder Kindergartenplatz. Man könnte jetzt sagen: Na bitte, dann baut halt mehr Plätze. Und das tut Graz ja auch – 54 neue Dienstposten und die Übernahme von Gruppen von Wiki und Caritas. Die Kinderbetreuung wird weiter ausgebaut.
Aber ich frag mich: Was nutzt ein neuer Platz, wenn die Bedingungen so sind, dass die Kinder dort nicht das bekommen, was sie brauchen? Ein Platz ist mehr als ein Quadratmeter Bodenfläche mit einem Sessel drauf. Ein Platz ist ein Ort, an dem Beziehung stattfindet. Und Beziehung braucht Konstanz. Sie braucht Zeit. Sie braucht Erwachsene, die nicht jeden Tag nur am Limit funktionieren.
Was die Stadt tun müsste
Jetzt bin ich ja nicht mehr im Dienst, ich kann mir das Maul zerreißen ohne dienstrechtliche Konsequenzen. Also sag ich’s, wie’s ist.
Erstens: Trägerwechsel müssen so gestaltet werden, dass die Kinder nicht die Leidtragenden sind. Wenn die Stadt Gruppen übernimmt, dann muss sie auch die Mitarbeiterinnen übernehmen – mit ihren bestehenden Verträgen, mit ihrer Erfahrung, mit ihren Beziehungen zu den Kindern. Alles andere ist fahrlässig.
Zweitens: Die Gruppengrößen müssen runter. 27 Kinder in einer Gruppe sind kein pädagogisches Setting, das ist Verwahrung. Und ja, das kostet Geld. Aber jeder Euro, den wir in die frühkindliche Bildung investieren, spart später ein Vielfaches an Reparaturkosten – in der Schule, in der Jugendhilfe, im Gesundheitssystem.
Drittens: Wer B2-Deutschkurse verlangt, muss sie auch bezahlen. Gerade in der Elementarpädagogik arbeiten viele Menschen mit Migrationshintergrund, die fachlich top sind und oft mehrere Sprachen sprechen. Die jetzt mit Kurskosten zu belasten, während die Stadt händeringend Personal sucht, ist ein Schildbürgerstreich.
Viertens: Wir brauchen eine ehrliche Debatte darüber, was Kinderbetreuung eigentlich leisten soll. Geht es nur darum, dass die Eltern arbeiten können? Dann sind wir auf dem Niveau einer Aufbewahranstalt. Oder geht es um Bildung, um Entwicklung, um das Wohl der Kinder? Dann müssen die Rahmenbedingungen danach ausgerichtet sein.
Ein Blick von Wien nach Graz
Wenn ich in meiner alten Wiener Kita aus dem Fenster geschaut habe, habe ich den Stadtgarten gesehen, in dem die Kinder jeden Tag gespielt haben. Ich hab die Kolleginnen gesehen, die seit zwanzig Jahren dabei waren und jedes Kind kannten. Ich hab stabile Teams gesehen, die Konflikte untereinander austragen konnten, ohne dass die Kinder darunter gelitten haben.
Was ich aus Graz höre, macht mir Sorgen. Nicht weil die Grazer Pädagoginnen schlechter wären als die Wiener. Im Gegenteil – ich kenne einige, die mit Herzblut dabei sind. Aber sie kämpfen gegen Windmühlen. Gegen Gruppengrößen, die kein Mensch stemmen kann. Gegen Trägerentscheidungen, die über ihre Köpfe hinweg getroffen werden. Gegen einen Fachkräftemangel, der dazu führt, dass die, die noch da sind, doppelt und dreifach belastet werden.
Und am Ende zahlen die Kinder den Preis. Nicht in Euro. Sondern in verpassten Entwicklungsschritten, in Unsicherheit, in Bindungsstörungen, die sich vielleicht erst Jahre später zeigen.
Letztens hab ich in meinem Stammlokal ein Wiener Schnitzel gegessen – vom Kalb, wie es sich gehört, mit Erdäpfelsalat. Am Nebentisch saß eine junge Familie mit einem Kindergartenkind. Der Bub hat brav sein Schnitzel gegessen, und irgendwann hat er zur Mama gesagt: „Die Silvia hat heute gesagt, ich darf ruhig traurig sein.“
Ich hab fast geweint. Weil genau das ist es, worum es geht. Ein Kind, das gelernt hat, dass seine Gefühle Platz haben. Ein Kind, das eine Silvia hat, die ihm das sagt. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Das ist das Ergebnis von guten Rahmenbedingungen, von kleinen Gruppen, von konstanten Beziehungen, von Fachkräften, die nicht am Burnout kratzen.
Grazer Eltern, passt auf eure Kitas auf. Fragt nach, wie viele Kinder in der Gruppe sind. Fragt nach, ob die Bezugspersonen bleiben. Fragt nach, wie Übergänge gestaltet werden. Denn eure Kinder können sich nicht selbst vertreten. Das müsst ihr tun.
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Quellen:
- 5 Minuten, 25.03.2026: „Ghegagasse Graz vor Umbruch: Eltern fürchten Verlust von Pädagogen“
- Kleine Zeitung, 03.05.2026: „Kindergarten: Bis zu 27 Kinder je Gruppe, darf das tatsächlich sein?“
- 5 Minuten, 04.04.2026: „Lehrer schlagen Alarm: Kinder wissen nicht, wie man aufs Klo geht“
- Kleine Zeitung, 29.04.2026: „Krippen- oder Kindergartenplatz: 1237 steirische Kinder stehen noch auf der Warteliste“
- Kleine Zeitung, 23.04.2026: „54 neue Dienstposten: Graz baut Kinderbetreuung aus und übernimmt Gruppen von Wiki und Caritas“
- KPÖ Graz, 23.04.2026: „Graz baut Kinderbetreuung weiter aus“
- Uni Graz: „Die Entwicklung der sozial-emotionalen Kompetenz“
- Kindergartenakademie.de: Fachbeitrag zur sozial-emotionalen Entwicklung in der Kita
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Kita-Verzeichnis durchsuchen →"Ein Platz ist mehr als ein Quadratmeter Bodenfläche mit einem Sessel drauf. Ein Platz ist ein Ort, an dem Beziehung stattfindet. Und Beziehung braucht Konstanz. Sie braucht Zeit. Sie braucht Erwachsene, die nicht jeden Tag nur am Limit funktionieren."— Elisabeth Huber, ehemalige Kindergarten-Leiterin, Wien
Häufige Fragen
Warum ist die sozial-emotionale Entwicklung im Kindergarten so wichtig?
Im Kindergartenalter lernen Kinder grundlegende soziale Kompetenzen wie Konfliktlösung, Emotionsregulation und Empathie. Diese Fähigkeiten sind die Basis für ein funktionierendes Miteinander in der Schule und im späteren Leben. Die Uni Graz betont, dass soziale Kompetenzen schon im Kindergarten aktiv geübt werden müssen.
Was bedeutet der Trägerwechsel für mein Kind in einer Grazer Kita?
Wenn die Stadt Graz eine Einrichtung von einem privaten Träger wie Wiki oder Caritas übernimmt, werden bestehende Dienstverhältnisse beendet. Das kann bedeuten, dass vertraute Bezugspersonen die Einrichtung verlassen. Für Kinder bedeutet das potenzielle Beziehungsabbrüche, die ihre emotionale Sicherheit beeinträchtigen können.
Wie viele Kinder sind aktuell in steirischen Kitagruppen erlaubt?
In steirischen Kindergärten sind bis zu 27 Kinder pro Gruppe möglich. Pädagogische Fachleute kritisieren diese Größe seit Jahren, weil sie individuelle Zuwendung und gezielte Förderung emotionaler Bedürfnisse massiv einschränkt.
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