Das Wichtigste in Kürze
- Villach hat im Mai 2026 ein flächendeckendes Präventionsprogramm in städtischen Kindergärten gestartet — Kinder lernen früh Grenzen zu setzen und Nein zu sagen
- Mit dem ersten Bildungscampus Kärntens investierte Villach 16 Millionen Euro: Kindergarten, Volksschule und Nachmittagsbetreuung unter einem Dach
- Das Programm 'Bärenstark' macht Kinder stark gegen Mobbing — lange bevor es in der Schule zum Problem wird
- Das Kinderbüro organisiert österreichweit Kinderparlamente; Villach greift diesen Gedanken auf und lebt Partizipation im Alltag
- Die Diakonie eröffnet einen neuen reformpädagogischen Kindergarten und sucht Elementarpädagoginnen
Villach überrascht mich. Und das will etwas heißen, denn ich habe in über dreißig Jahren als Kindergarten-Leiterin in Wien schon einiges gesehen — vom ersten Integrationskindergarten in Ottakring bis zur bilingualen Gruppe in der Donaustadt. Aber was die Draustadt in den letzten Monaten auf die Beine gestellt hat, das hat Hand und Fuß. Sechzehn Millionen Euro für einen Bildungscampus, ein Präventionsprogramm das Kinder bärenstark macht, und eine Stadtregierung die Partizipation nicht als Sonntagsrede versteht sondern als gelebten Alltag. Ich war neugierig und habe mir angeschaut was Villach anders macht — und warum Wien sich davon eine Scheibe abschneiden könnte.
Villachs Präventionsoffensive: Was steckt dahinter?
Im Mai 2026 hat die Stadt Villach ein Präventionsprogramm gestartet das in den städtischen Kindergärten verankert wird. Der Grundgedanke ist einfach und doch etwas das ich in dreißig Berufsjahren immer wieder predigen musste: Kinder sollen von klein auf lernen ihre eigenen Grenzen zu erkennen und zu benennen. Sie sollen spüren wann ihnen etwas zu viel wird. Sie sollen wissen dass ein lautes Nein nicht unhöflich ist sondern ein Grundrecht. Und sie sollen verstehen dass ihr Körper ihnen gehört — Punkt.
Als ich das gelesen habe musste ich an meine Zeit mit dem Stadtgartendienst denken. Ja richtig gehört: Stadtgartendienst. In unserem Wiener Gemeindebau-Kindergarten in der Lerchenfelderstraße hatten wir jeden Sommer drei Wochen lang Beetdienst. Die Kinder gossen die Paradeiser, jäteten Unkraut, ernteten Zucchini. Eines Morgens stand die kleine Miriam vor mir, die Gießkanne fest umklammert, und sagte: „Elisabeth, der David hat mir den Schlauch weggenommen. Das mag ich nicht.“ Sie war vier. Sie stand da wie eine kleine Anwältin in eigener Sache, die Unterlippe ein bisschen vorgeschoben aber der Blick fest. Und sie hat genau das getan was Villach jetzt flächendeckend fördert: eine Grenze benennen ohne sich zu entschuldigen. Damals habe ich gelächelt und gesagt: „Gut dass du das sagst Miriam. Sollen wir mit dem David reden?“ Heute weiß ich: Das war gelebte Prävention lange bevor es das Wort in den Amtsstuben gab.
Villach geht aber noch einen entscheidenden Schritt weiter. Das Programm ist kein einmaliger Workshop der einmal im Jahr abgehakt wird. Es zieht sich durch den gesamten Kindergartenalltag. Die Pädagoginnen und Pädagogen werden geschult, die Eltern in eigenen Abenden einbezogen. Es geht nicht um Angstmacherei sondern um Stärkung. Um das Wissen: Ich bin okay so wie ich bin — und wenn etwas nicht okay ist dann darf und soll ich das sagen. Die Stadt investiert hier nicht nur Geld sondern vor allem Haltung. Und Haltung, meine Damen und Herren, ist das was eine gute von einer durchschnittlichen Einrichtung unterscheidet.
Bärenstark gegen Mobbing: So funktioniert das Programm
Das Villacher Präventionsprogramm hat einen Namen der mir sofort gefallen hat: Bärenstark. Kein sperriges Behördenkürzel mit drei Buchstaben und einem Bindestrich, keine sozialwissenschaftliche Formel die kein Mensch außerhalb der Fachhochschule versteht. Sondern ein Bild das jedes Kind begreift — ob es nun drei ist oder sechs. Bären sind stark, Bären lassen sich nicht unterkriegen, Bären passen auf sich und aufeinander auf. Und genau darum geht es: Kinder sollen das Rüstzeug bekommen um sich gegen Mobbing zu wehren lange bevor es überhaupt zum Mobbing kommt.
Was mich als alte Elementarpädagogin besonders freut: Das Programm setzt nicht erst in der Volksschule an wenn das sprichwörtliche Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Es beginnt im Kindergarten also genau dort wo soziale Muster entstehen und sich verfestigen. Wer mit vier lernt dass Ausgrenzung weh tut und dass man etwas dagegen tun kann, der wird mit acht nicht still in der Pause stehen und darauf warten dass ihn jemand mitspielen lässt. Prävention ist kein Feuerlöscher den man erst aus dem Kasten holt wenn es brennt. Prävention ist der Rauchmelder der piepst bevor das Feuer ausbricht. Villach hat das verstanden — und handelt danach.
Konkret bedeutet das: Rollenspiele in denen Kinder üben Nein zu sagen. Gesprächskreise in denen sie lernen ihre Gefühle zu benennen — nicht nur „gut“ und „schlecht“ sondern „ich bin traurig weil“ und „ich bin wütend wenn“. Die Erzieherinnen greifen Konflikte nicht sofort auf sondern begleiten die Kinder dabei sie selbst zu lösen. Klingt simpel? Ist es auch. Aber es braucht gut geschultes Personal das diesen Raum gibt und aushält dass eine Lösung zwischen zwei Vierjährigen manchmal eine halbe Stunde dauert. In einer Zeit in der viele Einrichtungen froh sind wenn sie den Betreuungsschlüssel irgendwie halten können ist das keine Selbstverständlichkeit.
Der neue Bildungscampus: 16 Millionen für die Jüngsten
Im Februar 2026 hat Villach den ersten Bildungscampus Kärntens eröffnet. 16 Millionen Euro hat die Stadt investiert. Dafür bekommen die Villacher Familien etwas das in Österreich noch immer Seltenheitswert hat: Unter einem Dach finden Kindergarten, Volksschule und Nachmittagsbetreuung statt. Keine Brüche mehr zwischen den Bildungsetappen, kein Tränenvergießen beim Übergang vom Kindergarten in die Schule, keine verzweifelten Eltern die mit dem Auto zwischen drei Einrichtungen in drei verschiedenen Stadtteilen hin- und herpendeln. Stattdessen: ein fließender Übergang, gemeinsame Projekte, Pädagoginnen und Pädagogen die sich kennen und regelmäßig austauschen.
Ich erinnere mich an einen Elternabend in meinem Wiener Kindergarten an dem eine Mutter am Rande der Verzweiflung zu mir kam. „Frau Huber“, sagte sie und nestelte an ihrem Handy herum, „wie soll ich das schaffen? Der Kleine geht bis zwei in den Kindergarten, um halb drei muss ich ihn in der Vorschule abholen, und die Große hat bis vier Volksschule — und alle drei sind in verschiedenen Bezirken. Ich brauche für die Strecke allein eine Dreiviertelstunde.“ Sie war keine Rabenmutter die ihre Kinder vernachlässigt. Sie war eine Architektin die nach der Karenz wieder voll einsteigen wollte und an den Strukturen scheiterte. Ich konnte ihr damals nur zuhören. In Villach wäre diese Frage heute überflüssig. Der Bildungscampus denkt das Kind und die Familie als Ganzes — nicht in institutionellen Schubladen.
Und ja sechzehn Millionen sind viel Geld. Aber wissen Sie was teurer ist? Jugendliche ohne Perspektive. Schulabbrecher. Psychische Erkrankungen die sich durch verpasste frühe Förderung manifestieren. Jeder Euro den wir in gute frühkindliche Bildung investieren spart später ein Vielfaches. Das ist keine linke Träumerei aus dem Wiener Gemeindebau — das ist Bildungsökonomie wie sie international längst belegt ist. Wer in den ersten sechs Lebensjahren starke Wurzeln bekommt den wirft so schnell kein Sturm um.
Partizipation von Anfang an: Kinderparlamente in Österreich
Partizipation ist so ein Wort. Wenn ich es in meiner Zeit als Leiterin bei Amtstreffen in den Mund nahm erntete ich oft genervte Blicke. Es klingt nach Gemeinderatssitzung mit Tagesordnungspunkten und Geschäftsordnungsanträgen. Dabei geht es im Kern um etwas ganz Einfaches: Kinder ernst nehmen. Sie mitentscheiden lassen was sie betrifft. Ihnen zuhören — nicht mit dem halben Ohr während man nebenbei den Speiseplan für nächste Woche kritzelt sondern wirklich zuhören. Mit Blickkontakt. Mit der Bereitschaft die eigene Planung über den Haufen zu werfen weil die Kinder heute etwas anderes brauchen.
In Österreich organisiert das Kinderbüro seit Jahren Kinderparlamente. Kinder lernen dort was Demokratie in der Praxis bedeutet: Anträge stellen, Argumente vorbringen, Kompromisse finden, abstimmen. Sie entscheiden über Dinge die für sie wichtig sind — den neuen Kletterturm auf dem Spielplatz, das Mittagessen in der nächsten Woche, die Regeln für den Hort. Und das Tolle daran: Sie nehmen das todernst. Viel ernster als so mancher Erwachsene der bei der nächsten Wahl wieder zu Hause bleibt weil „die da oben ja eh machen was sie wollen“.
Villach hat diesen Gedanken aufgegriffen. In den städtischen Einrichtungen wird Partizipation gelebt nicht nur gelehrt. Das ist ein feiner Unterschied. Man kann Kindern erklären was Demokratie ist — mit Bildkarten und einem laminierten Schaubild. Oder man kann sie jeden Tag erleben lassen dass ihre Stimme zählt. Dass es einen Unterschied macht ob sie sich melden. Dass ihre Ideen nicht nur gehört sondern auch umgesetzt werden. Letzteres bleibt. Für immer. Klingt nach einer Floskel? Fragen Sie mal einen Zehnjährigen der im Kinderparlament durchgesetzt hat dass es donnerstags Nudeln statt Fischstäbchen gibt. Der vergisst das nicht.
Reformpädagogik: Der neue Kindergarten der Diakonie
Die Diakonie hat im Mai 2026 in Villach Stellen für einen neuen reformpädagogischen Kindergarten ausgeschrieben. Elementarpädagoginnen und Kleinkinderzieherinnen werden gesucht. Auch das ist ein Puzzlestein im Villacher Gesamtbild: Die Stadt setzt nicht nur auf Masse sondern auf pädagogische Vielfalt und Qualität. Reformpädagogik heißt in der Praxis: weniger Frontalunterricht mehr Projekte. Weniger Arbeitsblätter mehr Draußensein. Weniger „das macht man so“ mehr „was meinst du dazu?“.
Ich gebe zu ich bin ein bisschen voreingenommen. In meinem Wiener Kindergarten haben wir viele Jahre nach den Grundsätzen von Maria Montessori gearbeitet. „Hilf mir es selbst zu tun“ war der Satz der über unserer Tür hätte stehen können — wenn mir die Hausverwaltung ein Schild genehmigt hätte. Und ich habe gesehen was passiert wenn man Kindern zutraut ihre Umwelt selbst zu entdecken: Sie wachsen. Nicht nur in der Körpergröße sondern im Kopf und im Herzen. Sie werden selbstständig ohne arrogant zu sein. Sie lernen Fehler zu machen ohne daran zu zerbrechen. Dass Villach jetzt auch in diese Richtung investiert während anderswo Reformpädagogik als „nette Spielerei“ abgetan wird, zeigt mir: Hier denkt jemand langfristig. Hier geht es nicht nur um Betreuung sondern um Bildung im besten Sinne des Wortes.
Betreuungsplatz-Ausbau: Vom Supermarkt zur Kita
In Villach-Lind entsteht aus einem ehemaligen Supermarkt eine neue Kindertagesstätte mit 30 Plätzen. Die Kleine Zeitung berichtete am 21. Mai 2026 über das Projekt, das zeigt wie pragmatisch die Stadt mit dem steigenden Betreuungsbedarf umgeht. Statt jahrelang nach einem Neubau-Grundstück zu suchen, wurde leerstehende Gewerbefläche umgewidmet. In Wien haben wir für ähnliche Projekte oft zwei Jahre Planung gebraucht bevor der erste Spatenstich erfolgte. Villach macht es in Monaten. Dass in der gleichen Woche auch die Diakonie einen neuen reformpädagogischen Kindergarten ausschrieb, rundet das Bild ab: In Kärnten tut sich etwas.
Quellen
- Stadt Villach, 12.05.2026 — Prävention beginnt schon im Kindergarten
- Kleine Zeitung, 15.05.2026 — Selbstsichere Kinder: Stadt Villach setzt schon im Kindergarten auf Prävention
- 5 Minuten, 12.05.2026 — Villach macht Kinder bärenstark gegen Mobbing
- kaernten.ORF.at, 16.02.2026 —
📍 Kitas in Villach finden
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Alle Kitas in Villach ansehen →"In dreißig Jahren als Kindergarten-Leiterin habe ich gelernt: Eine Stadt erkennt man daran, wie sie mit ihren Jüngsten umgeht. Villach investiert nicht nur Geld, sondern Haltung -- und das ist der Unterschied zwischen Betreuung und Bildung."— Elisabeth Huber, Ex-Kindergarten-Leiterin, Elementarpädagogin · KitaHero-Redaktion
Häufige Fragen
Was ist das Villacher Präventionsprogramm?
Das Programm, das im Mai 2026 startete, ist in den städtischen Kindergärten verankert. Kinder lernen von klein auf, ihre eigenen Grenzen zu erkennen und zu benennen. Sie üben in Rollenspielen Nein zu sagen, benennen ihre Gefühle und lernen, dass ihr Körper ihnen gehört. Die Pädagoginnen werden geschult, die Eltern in eigenen Abenden einbezogen.
Was kostet der neue Bildungscampus in Villach?
Der Bildungscampus in Villach, der im Februar 2026 eröffnet wurde, kostete 16 Millionen Euro. Er vereint Kindergarten, Volksschule und Nachmittagsbetreuung unter einem Dach -- der erste Bildungscampus dieser Art in Kärnten. Die Stadt schafft damit fließende Übergänge zwischen den Bildungsetappen.
Was sind Kinderparlamente und gibt es die in Villach?
Kinderparlamente werden vom Kinderbüro österreichweit organisiert. Kinder lernen darin demokratische Prozesse: Anträge stellen, diskutieren, abstimmen. Villach hat diesen Ansatz aufgegriffen und lebt Partizipation in den städtischen Einrichtungen -- Kinder werden bei Entscheidungen die sie betreffen einbezogen und erleben dass ihre Stimme zählt.
Gibt es genug Betreuungsplätze in Villach?
Villach baut die Betreuungsplätze kontinuierlich aus. Im Mai 2026 wurden 30 neue Plätze in einem ehemaligen Supermarkt geschaffen. Zusätzlich sucht die Diakonie Personal für einen neuen reformpädagogischen Kindergarten. Die Stadt investiert damit sowohl in Quantität als auch in pädagogische Qualität.
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