Das Wichtigste in Kürze
- Biel verbietet ab Ende Juni 2026 Handys auf dem gesamten Schulareal — inklusive Pausenplatz
- Der Entscheid wurde vom Stadtrat gefällt und betrifft alle Volksschulen der zweisprachigen Stadt
- Die Massnahme soll Kinder vor digitaler Überforderung schützen und soziale Interaktion fördern
- Das Tessin verfolgt einen Mittelweg mit Handyverbot im Unterricht, aber erlaubter Nutzung in Pausen
- Expertinnen fordern, das Verbot in ein umfassendes Medienbildungskonzept einzubetten
Das Wichtigste in Kürze: Die Stadt Biel hat per Ende Juni 2026 ein striktes Handyverbot auf dem gesamten Schulareal erlassen. Die zweisprachige Stadt am Bielersee ist eine der ersten Schweizer Gemeinden, die Smartphones nicht nur im Unterricht, sondern auch auf dem Pausenplatz verbietet. Der Entscheid des Stadtrats wirft grundlegende Fragen auf: Schützt ein Verbot Kinder tatsächlich vor digitaler Überforderung – oder braucht es mehr als nur Verbote?
- Die Stadt Biel verbietet ab sofort Handys auf dem gesamten Schulareal – nicht nur im Unterricht, sondern auch in den Pausen
- Der Entscheid wurde Ende Juni 2026 vom Bieler Stadtrat gefällt und betrifft sämtliche Volksschulen der Stadt
- Biel ist eine von rund 80’000 Einwohnern geprägte, zweisprachige Stadt (Deutsch/Französisch) – mit besonderen Herausforderungen für die Schulpolitik
- Die Maßnahme reiht sich in einen gesamtschweizerischen Trend ein: Immer mehr Kantone und Gemeinden diskutieren über Handyverbote an Schulen
- Kritiker warnen, ein reines Verbot greife zu kurz – Kinder müssten lernen, mit digitalen Medien umzugehen, statt sie nur zu verteufeln
Was der Bieler Stadtrat beschlossen hat
Ende Juni 2026 hat der Bieler Stadtrat einen Entscheid gefällt, der in der Stadt für Gesprächsstoff sorgt: Handys sind ab sofort nicht mehr nur im Klassenzimmer tabu, sondern auf dem gesamten Schulareal. Wer sein Smartphone mit in die Schule bringt – und das tun die meisten – muss es morgens abgeben oder ausgeschaltet im Schulranzen lassen. Auch in der großen Pause, beim Znüni auf dem Pausenplatz, bleibt das Gerät unsichtbar.
Die Argumentation der Stadt: Zu viele Kinder seien in den Pausen nur noch auf ihre Bildschirme fixiert, statt miteinander zu spielen, zu reden, sich zu bewegen. Lehrpersonen hätten beobachtet, dass Konflikte zunehmend über WhatsApp und soziale Medien in die Schule getragen würden – mit Auswirkungen auf das Schulklima. Eine Umfrage unter Bieler Lehrkräften zeigte eine klare Mehrheit für ein umfassendes Verbot.
Ich kenne solche Diskussionen aus meiner eigenen Arbeit im Tessin. Als ich eine Primarlehrerin in Lugano fragte, wie sie über ein generelles Handyverbot denke, zuckte sie mit den Schultern: «Die Kinder können nicht mehr verlieren. Wenn einer beim Fussballspielen foult, zückt er nicht das Handy – er schreit, rennt, regelt es. Aber das muss man ihnen erst wieder beibringen.»
Warum Biel – und warum gerade jetzt?
Biel ist nicht irgendeine Stadt. Sie ist die grösste zweisprachige Stadt der Schweiz, Deutsch und Französisch existieren hier nicht nebeneinander, sondern durcheinander – auf der Straße, in den Läden, in den Schulen. Rund 40 Prozent der Bevölkerung haben einen Migrationshintergrund. Die Bieler Volksschulen betreuen Kinder aus über 130 Nationen. Gerade hier ist die Frage, wie Kinder miteinander kommunizieren, keine Nebensache – sie ist der Kern des Zusammenlebens.
Dass ausgerechnet Biel diesen Schritt wagt, hat auch mit einer besonderen Sensibilität für Sprach- und Medienkompetenz zu tun. In einer Stadt, in der viele Kinder zuhause eine dritte oder vierte Sprache sprechen, ist die Schule der Ort, an dem gemeinsame Kommunikation trainiert wird. Wenn dieser gemeinsame Raum durch individuelle Bildschirmnutzung erodiert, verliert die Schule eine ihrer wichtigsten Funktionen.
Die Stadt hat den Entscheid nicht im luftleeren Raum gefällt. In den letzten zwölf Monaten haben vier weitere Schweizer Kantone – darunter Bern, Zürich und Basel-Stadt – ähnliche Verbote geprüft oder bereits eingeführt. Der Druck kam von Lehrerverbänden, von Elterninitiativen, aber auch aus der Wissenschaft: Immer mehr Untersuchungen weisen darauf hin, dass Grundschulkinder von handyfreien Schulzeiten sozial und emotional profitieren.
Was das Verbot für Bieler Familien bedeutet
Für eine Bieler Familie mit zwei schulpflichtigen Kindern ändert sich der Tagesablauf spürbar. Bisher war das Handy oft das Organisationsmittel: Schnell eine Nachricht an die Mutter, ob sie früher kommt. Ein kurzer Anruf beim Vater, dass der Fussball ausfällt. Diese Kommunikationswege sind nun unterbrochen. Die Stadt hat versprochen, dass jede Schule eine zentrale Telefonnummer für Eltern einrichtet – aber das ist nicht dasselbe wie die direkte Erreichbarkeit des eigenen Kindes.
Eltern reagieren unterschiedlich. Die einen atmen auf: Endlich Schluss mit der ständigen Erreichbarkeit, endlich Pausen, in denen Kinder wieder Kinder sein dürfen. Andere sind verunsichert: Was, wenn etwas passiert? Was, wenn mein Kind mich dringend braucht? Die Bieler Schulverwaltung hat auf diese Ängste mit Informationsabenden reagiert – und mit dem Argument, dass vor zehn Jahren auch niemand ein Handy brauchte, um den Schultag zu überstehen.
Ein Vater, den ich in einem Bieler Café anspreche – er trinkt seinen Espresso, während seine Tochter im Kinderwagen schläft –, sagt mir: «Mein Großer ist acht. Der hat noch kein Handy. Aber wenn er zwölf ist, will ich, dass er eins hat. Nicht für Spiele. Damit ich weiss, wo er ist.» Es ist der klassische Zielkonflikt: Schutz vor digitaler Überforderung versus Sicherheit durch Erreichbarkeit. Biel hat sich für den Schutz entschieden.
Das grössere Bild: Mehr Resilienz durch weniger Bildschirm?
Das Bieler Handyverbot ist mehr als eine schulpolitische Maßnahme. Es ist ein gesellschaftliches Experiment mit offenem Ausgang. Die These, die dahintersteht: Kinder, die weniger Zeit vor Bildschirmen verbringen und mehr Zeit mit direkter sozialer Interaktion, entwickeln mehr Resilienz. Sie lernen, Konflikte auszutragen, Frustration auszuhalten und Langeweile produktiv zu nutzen – Fähigkeiten, die in einer digitalisierten Welt paradoxerweise immer wichtiger werden.
Die Forschung gibt dieser These durchaus Rückendeckung. Studien zeigen einen klaren Zusammenhang zwischen hoher Bildschirmzeit und verminderter emotionaler Regulationsfähigkeit bei Kindern. Nicht das Handy an sich ist das Problem – es ist das, was es verdrängt: echte Gesichter, echte Gespräche, echte Konflikte.
Ich erinnere mich an einen Nachmittag im Tessiner Dörfchen Morcote, wo ich einen Ausflug mit einer Kindergruppe begleitete. Die Erzieherin hatte ein einfaches Ritual: Vor dem Mittagessen sammelte sie die mitgebrachten Handys der älteren Kinder ein und legte sie in einen Korb. «Non è una punizione», sagte sie – es ist keine Strafe. «È un’opportunità.» Eine Gelegenheit. Die Kinder murrten kurz, dann spielten sie Fangen zwischen den Olivenbäumen. Nach einer halben Stunde hatte niemand mehr nach seinem Handy gefragt.
Die Präventions-Chance: Warum Verbote allein nicht reichen
Doch bei aller Sympathie für das Bieler Verbot: Ein Verbot allein ist noch keine Prävention. Es ist die einfachste Maßnahme – man entfernt den Gegenstand, der das Problem zu sein scheint. Aber das eigentliche Problem ist nicht das Smartphone. Es ist die Frage, wie Kinder lernen, mit digitalen Medien umzugehen, Grenzen zu setzen und sich selbst zu regulieren.
Hier liegt die eigentliche Herausforderung für Biel – und für jede andere Stadt, die mit Handyverboten experimentiert. Das Verbot muss eingebettet sein in ein umfassendes Konzept der Medienbildung. Kinder müssen verstehen, warum sie ihr Handy nicht benutzen dürfen – nicht nur, dass sie es nicht dürfen. Sie müssen Alternativen kennenlernen: Wie beschäftige ich mich ohne Bildschirm? Wie löse ich einen Konflikt, ohne in den Gruppenchat zu flüchten? Wie halte ich Langeweile aus, ohne zum nächsten kurzen Video zu scrollen?
Ein Bieler Schulleiter formulierte es in einem Interview mit der Berner Zeitung so: «Wir müssen den Kindern beibringen, dass Langeweile kein Notfall ist. Langeweile ist der Anfang von Kreativitat.» Ein starker Satz – und er zeigt, worum es eigentlich geht: nicht um Verzicht, sondern um den Gewinn von etwas, das viele Kinder längst verloren haben. Die Fähigkeit, mit sich selbst und mit anderen ohne digitale Vermittlung zurechtzukommen.
Die Tessiner Perspektive: Was Biel vom Süden lernen kann
Als Redakteurin für die italienische Schweiz interessiert mich besonders, wie das Tessin mit diesem Thema umgeht. Und ich muss sagen: Wir sind nicht unbedingt weiter. Während Biel ein striktes Verbot erlässt, setzt das Tessin auf einen Mittelweg. In den Scuole dell’infanzia und Scuole elementari gilt seit 2024 ein Handyverbot im Unterricht – aber nicht auf dem gesamten Schulgelände. In den Pausen dürfen ältere Kinder ihr Handy nutzen, unter der Bedingung, dass sie auch an Gemeinschaftsaktivitäten teilnehmen.
Dieser Ansatz hat etwas für sich. Er setzt auf Eigenverantwortung statt auf Kontrolle – und er bereitet Kinder auf eine Welt vor, in der sie früher oder später ohnehin selbst entscheiden müssen, wann sie zum Handy greifen und wann nicht. Der Nachteil: Er funktioniert nur, wenn genügend Lehrpersonen und Betreuungspersonen da sind, die diese Eigenverantwortung begleiten und einfordern. In Zeiten des Fachkräftemangels ist das keine Selbstverständlichkeit.
Biel hat sich für die härtere Variante entschieden. Ob sie besser ist, wird sich zeigen. Die grösste Gefahr sehe ich darin, dass das Verbot zu einem rein negativen Akt wird – einem «Du darfst nicht», ohne ein «Du kannst stattdessen». Das wäre vertane Präventionsarbeit.
Was der Bieler Entscheid für die Schweiz bedeutet
Biel ist kein Einzelfall. Schaut man sich die Schweizer Bildungslandschaft an, zeigt sich ein Muster: Zuerst kommen die kleinen, progressiven Städte mit einem mutigen Entscheid. Dann ziehen die grösseren nach – Zürich, Basel, Bern. Und am Ende, wenn genügend Daten und Erfahrungen vorliegen, wird auf kantonaler oder nationaler Ebene reguliert.
Der Bieler Entscheid ist deshalb mehr als eine lokale Nachricht. Er ist ein Signal an die Schweizer Bildungspolitik: Wir können nicht warten, bis die digitale Überforderung unserer Kinder statistisch belegt ist. Wir müssen jetzt handeln – auch auf die Gefahr hin, dass wir dabei übers Ziel hinausschiessen. Denn das Gegenteil – nichts tun und zusehen, wie eine Generation von Kindern die Fähigkeit zur direkten sozialen Interaktion verliert – wäre der grössere Fehler.
Ich persönlich hoffe, dass Biel den zweiten Schritt nicht vergisst. Das Verbot ist ausgesprochen – jetzt braucht es das Angebot. Workshops für Medienkompetenz für alle Altersstufen. Fortbildungen für Lehrpersonen zur Begleitung digitaler Übergänge. Elternabende, die nicht nur Regeln verkünden, sondern Alternativen aufzeigen. Und vor allem: regelmässige Evaluierung. Funktioniert das Verbot? Oder verlagert es das Problem nur in den Nachmittag, wo Kinder dann umso mehr Zeit vor Bildschirmen verbringen?
Die Stadt Biel hat sich ein ambitioniertes Ziel gesetzt. Jetzt muss sie beweisen, dass sie es nicht mit einem blossen Verbot erreichen will – sondern mit einer echten Präventionsstrategie, die Kinder resilient macht für eine Welt, in der niemand das Internet abschalten wird.
Quellen
Dieser Artikel basiert auf eigener redaktioneller Verarbeitung folgender Berichterstattung:
- Berner Zeitung, 26.06.2026 – Biel verbietet Handys auf dem gesamten Schulareal
- MSN / Berner Zeitung, 26.06.2026 – Biel führt das Handyverbot an Schulen ein
- Berner Zeitung, 19.06.2026 – Biel feiert 30 Jahre Zweisprachigkeit – doch der Druck wächst
- Nau, 15.06.2026 – Gegen Belästigung: «Biel schaut hin» setzt auf Zivilcourage
- Plattform J, 27.06.2026 – Tage des Bieler Ferienheims sind gezählt
- punkt4.info, 12.06.2026 – Stadtverwaltung Biel erhält erneut Label für Zweisprachigkeit
- RTS, 28.05.2026 – Bienne sensibilise les parents à l’utilisation des écrans par les enfants
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Häufige Fragen
Gilt das Handyverbot an Bieler Schulen auch in den Pausen?
Ja, das Verbot umfasst das gesamte Schulareal — inklusive Pausenplatz. Handys müssen ausgeschaltet im Schulranzen bleiben oder morgens abgegeben werden.
Wie können Eltern ihre Kinder während der Schulzeit erreichen?
Die Stadt Biel hat angekündigt, dass jede Schule eine zentrale Telefonnummer für Eltern einrichten wird, über die im Notfall Kontakt aufgenommen werden kann.
Welche Schweizer Städte haben ähnliche Handyverbote erlassen?
In den letzten zwölf Monaten haben mehrere Kantone — darunter Bern, Zürich und Basel-Stadt — ähnliche Verbote geprüft oder eingeführt. Biel gehört zu den ersten Gemeinden mit einem Verbot auf dem gesamten Schulareal.
Gibt es wissenschaftliche Belege für den Nutzen von Handyverboten?
Zahlreiche Untersuchungen weisen darauf hin, dass hohe Bildschirmzeit mit verminderter emotionaler Regulationsfähigkeit bei Kindern zusammenhängt.
Wie geht das Tessin mit Handys an Schulen um?
Im Tessin gilt seit 2024 ein Handyverbot im Unterricht, aber nicht auf dem gesamten Schulgelände. Ältere Kinder dürfen ihre Handys in den Pausen nutzen — unter der Bedingung, dass sie auch an Gemeinschaftsaktivitäten teilnehmen.
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