Das Wichtigste in Kürze
- 162 Kinder und 86 angehende Erzieher verlieren ihre Einrichtung: Hamburg schließt alle vier Praxis-Kitas der Fachschulen für Sozialpädagogik bis Ende Juli 2026
- Die Entscheidung stößt auf breiten Widerstand: Elternproteste, Kritik von CDU, Linken und GEW sowie eine geplante Großkundgebung am 15. Juni vor dem Rathaus
- Ein CDU-Änderungsantrag zur Umwandlung in städtische Kitas und Angebote freier Träger könnten die Schließung noch abwenden — die Finanzierungsfrage ist offen
- Der Fall ist kein Einzelfall: In Hamburg schlossen in den letzten drei Jahren bereits 14 kleinere Kitas; deutschlandweit arbeiten nur 17 Prozent der Einrichtungen mit empfohlener Personalquote
Als Lisa zum ersten Mal von der Schließung hörte, dachte sie an einen Fehler. Ihre Tochter Mira geht seit zwei Jahren in die Kita Alsterdorf, eine der vier Praxisausbildungsstätten der Hamburger Fachschulen für Sozialpädagogik. „Das ist nicht irgendeine Kita“, sagt sie. „Die Erzieherinnen hier wissen genau, was sie tun — und sie bilden gleichzeitig den Nachwuchs von morgen aus.“ In den Fluren hängen Kinderzeichnungen, im Garten wachsen Tomaten, die die Kleinen selbst gepflanzt haben. Es könnte so idyllisch sein. Doch genau diese Einrichtungen will die Stadt Hamburg jetzt dichtmachen. Alle vier. Bis Ende Juli 2026 soll Schluss sein.
Was genau passiert da?
Im Januar 2026 machte die Sozialbehörde Nägel mit Köpfen: Die vier Kitas der Beruflichen Fachschulen für Sozialpädagogik — in Alsterdorf, Eimsbüttel, Harburg und Wandsbek — werden geschlossen. Die Begründung: Die Ausbildungsstruktur sei nicht mehr zeitgemäß, die Trägerschaft über die Fachschulen zu teuer. Sozialsenatorin Melanie Schlotzhauer (SPD) verwies auf „notwendige Konsolidierungen im Haushalt“.
162 Kinder sind direkt betroffen. Hinzu kommen 86 angehende Erzieherinnen und Erzieher, die in diesen Einrichtungen ihre praktische Ausbildung absolvieren. Die Stadt bietet den betroffenen Familien alternative Kita-Plätze an — aber für viele Eltern ist das keine Lösung.
„Das sind keine gewöhnlichen Kitas“, erklärt eine Mutter aus Eimsbüttel, deren Sohn seit drei Jahren eine der Einrichtungen besucht. „Die Betreuungsqualität ist außergewöhnlich hoch, weil hier angehende Fachkräfte unter intensiver Anleitung arbeiten. Der Personalschlüssel ist besser als in den meisten Regel-Kitas der Stadt.“
„Hamburg sollte stolz sein auf diese Oasen“
Der Satz stammt von einem Vater, der im Mai vor der Sozialbehörde demonstrierte — und er bringt auf den Punkt, was viele Eltern empfinden. Die Praxis-Kitas gelten als Vorzeigeeinrichtungen: kleine Gruppen, gut ausgebildetes Personal, enge Verzahnung von Theorie und Praxis. Drei der vier Einrichtungen waren früher sogar für den Deutschen Kita-Preis nominiert.
„Dass die Stadt diese Einrichtungen schließt, während sie gleichzeitig über Fachkräftemangel klagt, ist schwer zu vermitteln“, sagt ein Sprecher der GEW Hamburg. „Hier werden genau die Strukturen zerschlagen, die wir für eine qualitativ hochwertige Ausbildung brauchen.“
Die Opposition im Hamburger Rathaus sieht das ähnlich. Die CDU spricht von „bildungspolitischem Kahlschlag“, die Linke von „kurzsichtiger Sparpolitik auf dem Rücken der Kleinsten“. Auch die Grünen, selbst Teil des rot-grünen Senats, zeigen sich intern unwohl mit der Entscheidung — öffentliche Kritik bleibt jedoch aus.
Der historische Kontext: Warum diese Kitas besonders sind
Die vier Einrichtungen sind keine gewöhnlichen Stadtteil-Kitas. Sie wurden vor über 30 Jahren als Praxisausbildungsstätten konzipiert — ein Modell, das bundesweit Beachtung fand. Angehende Erzieherinnen lernen hier nicht nur in Blockseminaren, sondern arbeiten über drei Jahre kontinuierlich mit Kindern, angeleitet von erfahrenen Mentorinnen und Mentoren.
Die pädagogische Qualität ist dokumentiert: Eine Evaluation der Universität Hamburg aus dem Jahr 2023 bescheinigte den Praxis-Kitas „überdurchschnittliche Bindungsqualität“ und „hochwirksame Ausbildungsergebnisse“. Die angehenden Fachkräfte fühlen sich nach eigener Aussage deutlich besser auf den Berufsalltag vorbereitet als Absolventen rein schulischer Ausbildungen.
„Die Verzahnung von Theorie und Praxis ist das Herzstück guter Ausbildung“, sagt eine erfahrene Mentorin aus der Kita Harburg, die seit 18 Jahren in dem System arbeitet. „Wenn man das wegbricht, verliert Hamburg ein Alleinstellungsmerkmal.“
Die Zahlen hinter dem Kita-Sterben
Hamburg ist nicht allein. Deutschlandweit kämpfen Kitas mit gegenläufigen Trends: Einerseits fehlen Fachkräfte — laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung arbeiteten 2025 nur 17 Prozent der Kitas mit der empfohlenen Personalquote. Andererseits sinken in vielen Regionen die Kinderzahlen, was Träger unter wirtschaftlichen Druck setzt.
Der NDR berichtete Ende April über den Fall und machte eine beunruhigende Rechnung auf: Allein in Hamburg haben in den vergangenen drei Jahren bereits 14 kleinere Kitas geschlossen, überwiegend in freier oder kirchlicher Trägerschaft. Die MOPO titelte Anfang Mai: „Das große Kita-Sterben in Hamburg: Was steckt dahinter?“ und zeigte, dass vor allem Einrichtungen in sozial schwächeren Stadtteilen betroffen sind.
Doch während viele Schließungen auf demografische Veränderungen zurückgehen, liegt der Fall der Praxis-Kitas anders: Hier geht es um eine politische Entscheidung. Die vier Einrichtungen waren wirtschaftlich stabil und pädagogisch anerkannt — sie passen schlicht nicht mehr ins Konzept der Sozialbehörde.
Zum Vergleich: Städte wie München und Stuttgart haben ihre Praxis-Ausbildungsstätten in den letzten Jahren sogar ausgebaut. Bremen hat 2024 ein ähnliches Modell neu eingeführt. Hamburg hingegen schafft ab, was anderswo als zukunftsweisend gilt.
Protest formiert sich
Die betroffenen Eltern haben sich organisiert. Im April gründete sich die Initiative „Rettet die Praxis-Kitas“, die mittlerweile über 400 Unterstützer zählt. Sie sammeln Unterschriften, organisieren Demonstrationen und suchen das Gespräch mit Abgeordneten der Hamburgischen Bürgerschaft.
„Aufgeben ist keine Option“, sagt eine Mutter aus der Kita Wandsbek, die zu den Initiatorinnen gehört. „Wir haben in den letzten Monaten mehr über Bildungspolitik gelernt, als uns lieb ist. Aber wir geben nicht auf — für unsere Kinder und für die künftigen Erzieherinnen, die hier ausgebildet werden.“
Die Eltern haben prominente Unterstützung erhalten. Die GEW Hamburg solidarisierte sich mit der Initiative und sagte zu, die Kundgebung am 15. Juni aktiv zu bewerben. Auch die Wohlfahrtsverbände AWO und Paritätischer Hamburg haben sich öffentlich hinter die Forderungen der Eltern gestellt.
Für den 15. Juni ist eine größere Kundgebung vor dem Hamburger Rathaus angekündigt. Die Organisatoren rechnen mit mehreren hundert Teilnehmenden — Eltern, Erzieherinnen, Auszubildende und Unterstützer aus der Zivilgesellschaft. Auch Vertreter der GEW und der Linken haben ihre Teilnahme zugesagt. Die Initiative hat zudem eine Online-Petition gestartet, die bis Anfang Juni bereits über 2.800 Unterschriften sammelte.
Gibt es einen Ausweg?
Rein rechtlich ist die Entscheidung der Sozialbehörde kaum anfechtbar — Kitas haben keinen Bestandsschutz, und die Stadt ist nicht verpflichtet, jede einzelne Einrichtung zu erhalten. Trotzdem gibt es Bewegung: Ein Änderungsantrag der CDU, der im Juni in der Bürgerschaft beraten werden soll, fordert die Umwandlung der Praxis-Kitas in reguläre städtische Kitas. Der Senat müsste dann die Trägerschaft übernehmen — was er aus Kostengründen bisher ablehnt.
Eine andere Option, die diskutiert wird: Die Übergabe an freie Träger. Mehrere Wohlfahrtsverbände, darunter die AWO und das DRK, haben grundsätzliches Interesse signalisiert. Allerdings müsste die Stadt die Finanzierung sicherstellen — und genau daran hakt es.
Der Knackpunkt ist das Geld. Die Sozialbehörde beziffert die jährlichen Einsparungen durch die Schließung auf rund 2,8 Millionen Euro. Ein Betrag, der im Hamburger Gesamthaushalt von über 20 Milliarden Euro kaum ins Gewicht fällt. Die Elterninitiative hat vorgerechnet: Umgerechnet auf die 162 betroffenen Kinder entspricht das etwa 17.300 Euro pro Jahr und Platz. Für eine Stadt, die kürzlich die Einführung eines flächendeckenden fünfstündigen Betreuungsgutscheins feierte und dafür ein Vielfaches in die Hand nimmt, eine eigenartige Priorisierung.
Das Deutsche Schulportal machte Ende April auf ein verwandtes Problem aufmerksam: Auch bei den Praxis-Schulen selbst drohen Einschnitte. Die Diskussion um die Praxis-Kitas ist Teil einer größeren Debatte über die Zukunft der Erzieherausbildung in Hamburg — und bundesweit.
Was bedeutet das für Hamburgs Kitas insgesamt?
Die Schließung der vier Praxis-Kitas ist ein Präzedenzfall. Sie zeigt, wie fragil das Kita-System selbst in einer reichen Stadt wie Hamburg ist. Während die Stadt einerseits mit der Einführung des fünfstündigen täglichen Betreuungsgutscheins eine Ausweitung des Angebots beschlossen hat, werden andererseits etablierte Einrichtungen geopfert.
Für Eltern bedeutet das vor allem eines: Unsicherheit. „Wir können nicht mehr darauf vertrauen, dass der Kita-Platz, den wir heute haben, morgen noch existiert“, fasst eine Mutter aus Alsterdorf zusammen. „Und ehrlich gesagt: Wer soll denn noch Erzieherin werden, wenn die besten Ausbildungsplätze wegrationalisiert werden?“
Das Paradox: Kitas schließen trotz Fachkräftemangel
Die Entscheidung der Sozialbehörde offenbart ein grundsätzliches Problem in der deutschen Kita-Politik: Während allerorten über Personalmangel geklagt wird, schaffen Kommunen genau die Strukturen ab, die Fachkräfte produzieren. Die 86 Auszubildenden in den vier Praxis-Kitas sind fertig ausgebildete Erzieherinnen und Erzieher in spe — in einem Umfeld geschult, das ihnen echte Praxiserfahrung vermittelt hat.
Aktuelle Zahlen zeigen die Diskrepanz: In Hamburg fehlen nach Berechnungen der GEW etwa 1.200 Erzieherinnen und Erzieher. Gleichzeitig sinkt der Anteil der Fachkräfte in den Kitas seit Jahren. 2024 lag er bei nur noch 68 Prozent — vor zehn Jahren waren es noch 78 Prozent. Der Trend zeigt nach unten. Und die Schließung der vier Ausbildungs-Kitas wird die Lage weiter verschärfen.
Der Blick in andere Bundesländer zeigt, dass es auch anders geht. Bayern hat 2025 ein eigenes Modell „Praxisintegrierte Ausbildung Plus“ eingeführt, das explizit auf die Verknüpfung von Lernort und Praxisort setzt. Rheinland-Pfalz investiert gezielt in Ausbildungskapazitäten. Und Bremen eröffnete 2024 eine neue Praxis-Kita nach Hamburger Vorbild — ausgerechnet jetzt, wo das Original geschlossen wird.
Die Bertelsmann-Stiftung warnte bereits 2024 in ihrem jährlichen „Ländermonitor Frühkindliche Bildungssysteme“: „Wer heute an Ausbildungskapazitäten spart, wird in fünf Jahren noch größere Personallücken haben.“ Diese Prognose scheint sich in Hamburg in Echtzeit zu bewahrheiten.
Ein Teilerfolg mit Hindernissen: Die CDU-Initiative
Die CDU-Bürgerschaftsfraktion hat im Mai einen detaillierten Alternativplan vorgelegt. Kernforderung: Die vier Praxis-Kitas sollen in die Trägerschaft von „Elbkinder“ überführt werden, der städtischen Kita-Gesellschaft Hamburgs, die bereits über 180 Einrichtungen betreibt. Die laufenden Kosten würden dann aus dem regulären Kita-Budget bestritten — ohne die teure Fachschul-Struktur.
Der Plan hat Charme, birgt aber Risiken. „Wenn die Kitas einfach zu Elbkinder wechseln, verlieren sie ihre Ausbildungsfunktion“, warnt die GEW. „Dann sind es nur noch vier weitere Kitas — und 86 Ausbildungsplätze fallen trotzdem weg.“ Die CDU kontert, man könne die Ausbildungskapazitäten an den Fachschulen selbst ausbauen. Ein Kompromiss, der auf dem Tisch liegt, aber noch nicht beschlossen ist.
Einordnung der Redaktion
Ich beobachte diese Entwicklung mit wachsender Sorge — nicht nur als Chefredakteurin, sondern auch als jemand, der selbst einmal eine Elterninitiative koordiniert hat. Damals in Berlin haben wir gekämpft: für bessere Betreuungsschlüssel, für mehr Anerkennung der Erzieherinnen, für verlässliche Strukturen. Und jetzt, fast 15 Jahre später, erleben wir in Hamburg das Gegenteil: Strukturen, die funktionieren, werden abgebaut.
Die Logik der Sozialbehörde — „zu teuer, nicht mehr zeitgemäß“ — blendet aus, was diese Kitas tatsächlich leisten. Sie sind nicht nur Betreuungsorte, sondern Ausbildungsstätten, Labore für gute Pädagogik, Ankerpunkte für Familien. Drei der vier Häuser wurden für den Deutschen Kita-Preis nominiert. Man kann solche Einrichtungen nicht einfach in eine Excel-Tabelle packen und wegkürzen — man verliert damit mehr als nur 162 Betreuungsplätze.
Ich verstehe, dass die Stadt sparen muss. Aber bei der frühkindlichen Bildung zu sparen, während man gleichzeitig über Fachkräftemangel klagt, ist ein Widerspruch, der sich rächen wird. Die angehenden Erzieherinnen, die heute in Alsterdorf oder Harburg lernen, sind die Fachkräfte von morgen. Wer ihre Ausbildung verschlechtert, verschlechtert auch die Betreuung für kommende Generationen.
Für Hamburg ist der Fall ein Lackmustest: Nimmt die Stadt die frühkindliche Bildung ernst oder opfert man Qualität zugunsten kurzfristiger Haushaltskonsolidierung? Der 15. Juni ist ein wichtiges Datum — nicht nur für die betroffenen Familien, sondern für alle, denen gute Kitas am Herzen liegen. Die Hamburger Eltern haben recht: Die Stadt sollte stolz sein auf diese Oasen — und sie bewahren, nicht beseitigen. Denn jede geschlossene Ausbildungseinrichtung ist nicht nur ein Verlust für die 162 Kinder von heute, sondern ein Versäumnis gegenüber den Tausenden Kindern, die in den nächsten Jahren einen Kita-Platz brauchen werden.
Quellen: Dieser Artikel basiert auf umfangreichen Recherchen und der Berichterstattung von Hamburger Abendblatt, NDR.de, MOPO, t-online Hamburg, GEW Hamburg und Deutsches Schulportal aus den Monaten Januar bis Mai 2026.
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Häufige Fragen
Warum schließt Hamburg die vier Praxis-Kitas?
Die Sozialbehörde begründet die Schließung damit, dass die Ausbildungsstruktur über die Fachschulen nicht mehr zeitgemäß und die Trägerschaft zu teuer sei. Sozialsenatorin Schlotzhauer verweist auf notwendige Haushaltskonsolidierungen.
Wie viele Kinder und Fachkräfte sind betroffen?
162 Kinder verlieren ihren Betreuungsplatz. 86 angehende Erzieherinnen und Erzieher, die in den vier Einrichtungen ihre praktische Ausbildung absolvieren, müssen sich neue Ausbildungsplätze suchen.
Gibt es Alternativplätze für die betroffenen Kinder?
Die Stadt Hamburg bietet den Familien alternative Kita-Plätze an. Viele Eltern lehnen dies jedoch ab, da sie die pädagogische Qualität und den besseren Personalschlüssel der Praxis-Kitas nicht ersetzen können.
Können die Praxis-Kitas noch gerettet werden?
Es gibt zwei realistische Optionen: Ein CDU-Änderungsantrag in der Bürgerschaft fordert die Umwandlung in reguläre städtische Kitas. Außerdem haben freie Träger wie AWO und DRK Interesse signalisiert. Allerdings müsste die Stadt die Finanzierung sicherstellen.
Ist das ein Einzelfall oder ein bundesweiter Trend?
Kita-Schließungen nehmen bundesweit zu. Während in Hamburg zuletzt 14 Einrichtungen schlossen, sind auch andere Städte betroffen. Die Gründe: sinkende Kinderzahlen in manchen Regionen, Fachkräftemangel und kommunale Sparzwänge.
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