Das Wichtigste in Kürze
- Thun investiert Millionen in die Sanierung und Erweiterung von Tagesschulen – die Schule Lerchenfeld wird komplett modernisiert.
- Tagesschulen vereinen Bildung und Betreuung unter einem Dach: Unterricht, Mittagessen, Hausaufgaben und Freizeit – alles an einem Ort.
- Das Modell ist für Familien oft günstiger als klassische Kita-Plätze und spart wertvolle Zeit durch den Wegfall zusätzlicher Bring- und Holwege.
- Der Kanton Bern fördert alternative Betreuungsmodelle mit Gutscheinen, die Eltern flexibel einsetzen können.
- In der Romandie sind Tagesschulen seit Jahrzehnten Standard – Thun beweist, dass das Modell auch in der Deutschschweiz funktioniert.
Es ist kurz nach vier am Nachmittag, und auf dem Pausenplatz der Tagesschule Lerchenfeld in Thun herrscht noch immer Leben. Kinder spielen Fussball, ein paar Mädchen malen mit Kreide auf den Asphalt, drinnen wird gebastelt. Kein Elternteil hetzt panisch durch die Tür, um sein Kind vor der imaginären Deadline abzuholen. Die Betreuung läuft bis sechs – betreute Hausaufgaben, gemeinsames Zvieri, Freispiel drinnen und draussen. Was in der Deutschschweiz lange als exotisches Modell galt, ist hier längst Alltag: die Tagesschule als selbstverständliche Form der familienergänzenden Betreuung.
Thun macht damit etwas, worüber andere Gemeinden noch diskutieren. Die Stadt am Thunersee setzt nicht auf den klassischen Kita-Ausbau mit separaten Krippen und Horten, sondern auf die Integration von Bildung und Betreuung in den Schulalltag. Ein Ansatz, den ich aus meiner Zeit in der Romandie kenne – dort sind Tagesschulen seit Jahrzehnten die Norm. Jetzt zieht der Kanton Bern nach, und Thun gehört zu den Vorreitern. Ich wollte verstehen, was hinter dieser Strategie steckt und warum sie für Familien so attraktiv ist. Die Antwort führt mitten hinein in eine der spannendsten Entwicklungen der Schweizer Familienpolitik.
Millioneninvestition in die Thuner Schullandschaft
Der Stadtrat von Thun hat im Juni dieses Jahres einen bedeutenden Schritt beschlossen: Die Schule Lerchenfeld soll saniert und erweitert werden. Das Gebäude aus den 1960er-Jahren entspricht nicht mehr den heutigen Anforderungen – weder energetisch noch pädagogisch. Der geplante Umbau umfasst neue Gruppenräume, eine moderne Infrastruktur für die Tagesbetreuung und eine Mensa, die den Namen auch verdient. Die Stadt rechnet mit Investitionen im zweistelligen Millionenbereich, ein Betrag, der für eine Gemeinde dieser Grösse beachtlich ist.
Es ist nicht das einzige Projekt dieser Art in Thun. Bereits im vergangenen Jahr wurde das Schul- und Betreuungsangebot deutlich ausgebaut. Die Stadt eröffnete zusätzliche Tagesschulplätze, erweiterte die Öffnungszeiten und führte flexible Betreuungsmodule ein. Eltern können heute wählen, ob ihr Kind nur über Mittag betreut wird oder bis in den späten Nachmittag – und das an mehreren Standorten im ganzen Stadtgebiet, vom Dürrenast bis zum Lerchenfeld. Ein flächendeckendes Netz, das in der Region seinesgleichen sucht.
Tagesschule als gelebte Alternative zur Kita
Was unterscheidet eine Tagesschule von einer klassischen Kita? Der entscheidende Punkt: Die Kinder bleiben in ihrem vertrauten Umfeld. Sie gehen morgens in ihre Klasse, haben Unterricht, essen gemeinsam zu Mittag, machen betreute Hausaufgaben und können danach an Freizeitaktivitäten teilnehmen – alles am selben Ort, mit denselben Bezugspersonen. Kein Pendeln zwischen Schule, Hort und Zuhause. Kein Abholstress um Punkt zwölf. Kein Gefühl des dauernden Hin-und-her-Geschobenwerdens, das viele Kinder belastet, ohne dass Erwachsene es überhaupt bemerken.
Für berufstätige Eltern ist das eine enorme Entlastung. Statt drei verschiedene Betreuungsbausteine zu koordinieren – Schule, Mittagstisch, Nachmittagsbetreuung – haben sie einen verlässlichen Partner. Die Kinder wiederum profitieren von Kontinuität: Sie essen mit ihren Klassenkameraden, machen Hausaufgaben in ihrer gewohnten Gruppe und können soziale Bindungen aufbauen, die nicht durch ständige Betreuungswechsel unterbrochen werden. Ich habe in meiner Zeit in Fribourg selbst erlebt, wie selbstverständlich dieses Modell funktioniert – und wie sehr es den Familienalltag entspannt.
Wie Thun das konkret umsetzt
Ende Juni, mitten in der heissesten Woche des Jahres, fand auf dem Sportplatz der Tagesschulen Thun ein Fussballturnier statt. Unter dem Motto «Zäme fägts» massen sich Teams aus verschiedenen Tagesschulen – Fussball, Leichtathletik, Spiel und Spass. Was nach einem netten Sommeranlass klingt, ist tatsächlich mehr: Es zeigt, dass die Tagesschulen in Thun eine eigene Identität entwickelt haben. Sie sind nicht einfach eine Betreuungsdienstleistung, sondern eine Gemeinschaft mit eigenem kulturellem Leben. Die Kinder tragen stolz ihre Tagesschul-T-Shirts, es gibt Teamnamen, Fangesänge und eine Siegerehrung mit Medaillen – fast wie an einer richtigen Olympiade.
Die Stadt organisiert solche Anlässe regelmässig. Es gibt Sporttage, Projektwochen und Elternabende, die spezifisch auf die Bedürfnisse von Tagesschul-Familien zugeschnitten sind. Die Betreuungspersonen sind fest angestellt und oft seit Jahren an denselben Standorten tätig. Das schafft Vertrauen und Stabilität – zwei Dinge, die in der Kinderbetreuung unbezahlbar sind und die in vielen klassischen Kitas mit hoher Personalfluktuation oft zu kurz kommen.
Kanton Bern als Förderer neuer Wege
Thun steht mit seinem Ansatz nicht allein. Der Kanton Bern hat in den letzten Jahren die Weichen für eine modernere Familienpolitik gestellt. Seit 2026 werden Familien mit Betreuungsgutscheinen stärker entlastet – ein System, das die Wahlfreiheit der Eltern erhöhen soll. Anders als in vielen Deutschschweizer Kantonen, wo die Subventionen direkt an die Kitas fliessen, erhalten im Kanton Bern die Eltern die Gutscheine und können selbst entscheiden, welche Betreuungsform sie nutzen möchten. Das ist ein fundamentaler Unterschied, der den Wettbewerb zwischen verschiedenen Modellen fördert.
Das eröffnet Spielraum für alternative Modelle. Eine Familie kann die Gutscheine für eine Tagesschule einsetzen, für eine Tagesmutter oder – in Kombination – für eine klassische Kita. Die Stadt Bern selbst hat parallel dazu ihre Kita-Tarife erhöht, um höhere Betreuungsschlüssel zu finanzieren. Ein Schritt, der kurzfristig weh tut, aber die Qualität langfristig verbessern soll. Thun geht hier einen geschickteren Weg: Statt die Kita-Plätze teurer zu machen, baut die Stadt das Tagesschul-Angebot aus und macht es so für Familien attraktiver als die teurere Alternative. Ein stiller, aber wirksamer Anreiz.
Der Romandie-Vergleich: Wie es anderswo läuft
Wer wie ich in Fribourg gelebt hat – zweisprachig, zwischen Saane und Sense – weiss, dass Tagesschulen in der Westschweiz seit jeher selbstverständlich sind. In Genf, Lausanne oder Neuchâtel wäre niemand auf die Idee gekommen, Kinder um zwölf Uhr nach Hause zu schicken und nach zwei Stunden wieder einzusammeln. Das System der «école à journée continue» ist tief in der lateinischen Kultur verwurzelt: Schule und Betreuung sind eine Einheit, der Staat übernimmt Verantwortung, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist kein Luxus, sondern eine Selbstverständlichkeit.
Die Deutschschweiz hat diesen Weg lange nicht mitgemacht. Hier dominierte das Bild der Mutter, die mittags zuhause kocht, während die Kinder aus der Schule kommen. Dass diese Vorstellung für die Mehrheit der Familien längst nicht mehr der Realität entspricht, hat sich nur langsam herumgesprochen. Umso bemerkenswerter ist es, dass nun ausgerechnet Thun – eine eher konservativ geprägte Stadt im Berner Oberland – eine Vorreiterrolle übernimmt. Es zeigt: Der Wandel kommt nicht aus Zürich oder Basel, sondern aus der Provinz, wo pragmatische Lösungen oft mehr bewirken als große politische Debatten.
Was das für Familien konkret bedeutet
Für eine alleinerziehende Mutter, die im Spital Thun arbeitet, kann der Unterschied zwischen einer Tagesschule und einer klassischen Kita mehrere hundert Franken im Monat ausmachen. Die Tagesschul-Tarife in Thun sind einkommensabhängig und liegen im Schnitt deutlich unter den Kita-Gebühren. Hinzu kommt die Zeitersparnis: Kein zusätzlicher Bring- und Holweg zur Kita, kein logistischer Aufwand für den Mittagstisch – das schenkt Familien wertvolle Stunden, die für gemeinsame Zeit übrig bleiben, statt im Verkehr oder an der Kita-Garderobe verloren zu gehen.
Die Flexibilität ist ein weiterer Pluspunkt. Eltern können wählen, an welchen Tagen ihr Kind die Tagesschule besucht und wie lange. Wer nur an drei Nachmittagen Betreuung braucht, zahlt entsprechend weniger. Das ist nicht nur fair, sondern auch realistisch: Viele Familien haben patchwork-artige Betreuungsarrangements mit Grosseltern, Nachbarn oder Tagesmüttern. Die Tagesschule fügt sich in dieses Puzzle ein, statt es zu ersetzen. Gerade in einer Stadt wie Thun, wo viele Familien in Teilzeit arbeiten und auf Grosseltern in der Nähe zählen können, ist diese Flexibilität entscheidend.
Herausforderungen und offene Baustellen
So überzeugend das Modell klingt – es hat auch Grenzen. Die Tagesschule beginnt in der Regel mit dem Kindergarteneintritt, also mit etwa vier Jahren. Für jüngere Kinder braucht es weiterhin Krippenplätze oder Tagesfamilien. Hier hat Thun noch Nachholbedarf. Die Wartelisten für Krippenplätze sind lang, und nicht alle Eltern finden rechtzeitig eine Lösung. Wer ein einjähriges Kind hat und auf eine Betreuung angewiesen ist, dem hilft auch die beste Tagesschule nicht weiter.
Ein weiterer kritischer Punkt ist die Finanzierung. Die Stadt kann den Ausbau nicht allein stemmen. Ein Teil der Kosten wird über Elternbeiträge gedeckt, der Rest über kommunale Steuergelder. Ob der Kanton Bern seine Betreuungsgutscheine langfristig ausbaut oder in Sparrunden kürzt, wird darüber entscheiden, wie schnell Thun sein Angebot erweitern kann. Klar ist: Ohne kantonale Unterstützung bleibt das Modell eine Insel-Lösung, die nicht allen Familien gleichermassen zugutekommt. Und die politischen Mehrheiten im Kanton sind, das weiss jeder, der die Berner Politik verfolgt, nicht für die Ewigkeit garantiert.
Fazit: Ein Modell, das Schule machen sollte
Thun zeigt, dass es auch anders geht. Statt sich im Kreislauf aus Kita-Mangel, Platzausbau und Gebührenerhöhung zu verlieren, hat die Stadt einen Pfad eingeschlagen, der Bildung und Betreuung zusammendenkt. Das spart Geld, schafft soziale Kontinuität und macht das Leben für Familien spürbar einfacher. Es ist ein stiller, pragmatischer Ansatz, der ohne große Programme oder politische Show auskommt – genau das, was die Schweizer Familienpolitik an so vielen anderen Orten vermissen lässt.
Wenn ich nach einem langen Langlauf-Tag im Gantrischgebiet ins Tal schaue und den Thunersee glitzern sehe, denke ich manchmal: Diese Stadt versteht mehr vom Familienleben, als man ihr auf den ersten Blick zutrauen würde. Vielleicht ist es gerade die Mischung aus Bodenständigkeit und Weitblick – diese typische Berner Oberländer Art, Dinge anzupacken ohne großes Brimborium – die Thun so besonders macht. Andere Deutschschweizer Gemeinden täten gut daran, sich hier etwas abzuschauen. Nicht jede muss gleich eine flächendeckende Tagesschule einführen. Aber der Mut, Alternativen zur klassischen Kita zu denken – den sollten sich mehr Städte leisten. Am Ende geht es nicht um Ideologie, sondern darum, was für die Kinder und ihre Familien wirklich funktioniert.
Quellen
- Stadt Thun – 26.06.2026: «Zäme fägts» beim Fussballturnier und der Olympiade der Thuner Tagesschulen
- BärnerBär – 11.06.2026: Stadt Thun will Schule im Lerchenfeld sanieren und erweitern
- Stadt Thun – 11.08.2025: Stadt Thun erweitert ihr Schul- und Betreuungsangebot
- Der Bund – 17.03.2026: Wegen höherem Betreuungsschlüssel: Stadt Bern erhöht Kita-Tarife
- Der Bund – 22.09.2025: Mehr Geld für die Kinderbetreuung: Berner Familien werden ab 2026 stärker entlastet
- SRF – 08.04.2025: Kita: Nicht alle Berner Gemeinden setzen auf Betreuungsgutscheine
- Stadt Thun – 28.12.2025: Aktionswoche Frühe Kindheit
Dieser Artikel wurde am 3. Juli 2026 auf Basis aktueller Medienberichte und kommunaler Informationen aus Thun und dem Kanton Bern recherchiert.
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Häufige Fragen
Was ist eine Tagesschule?
Eine Tagesschule integriert Unterricht, Mittagsbetreuung, Hausaufgabenhilfe und Freizeitaktivitäten unter einem Dach. Die Kinder bleiben den ganzen Tag an der Schule, haben feste Bezugspersonen und müssen nicht zwischen verschiedenen Betreuungseinrichtungen pendeln.
Was kostet die Tagesschule in Thun?
Die Gebühren sind einkommensabhängig und liegen im Schnitt deutlich unter den Tarifen klassischer Kitas. Eltern können zudem flexibel wählen, an welchen Tagen und wie lange ihr Kind betreut wird. Die Stadt subventioniert das Angebot aus Steuergeldern.
Ab welchem Alter können Kinder in die Tagesschule?
Die Tagesschule beginnt in Thun mit dem Kindergarteneintritt, also in der Regel mit etwa vier Jahren. Für jüngere Kinder gibt es weiterhin Krippenplätze und Tagesfamilien. Die Stadt arbeitet daran, auch das Angebot für unter Vierjährige auszubauen.
Wie unterscheidet sich das Thuner Modell von anderen Gemeinden?
Thun setzt konsequent auf den Ausbau integrierter Tagesschulen, während viele andere Deutschschweizer Gemeinden weiterhin auf klassische Kitas und separate Horte setzen. Der Kanton Bern unterstützt diese Flexibilität mit Betreuungsgutscheinen, die Eltern für verschiedene Modelle einsetzen können.
Gibt es genügend Tagesschul-Plätze in Thun?
Die Stadt hat das Angebot in den letzten Jahren deutlich ausgebaut und eröffnet laufend neue Plätze. Während die Tagesschul-Kapazitäten wachsen, bestehen bei den Krippenplätzen für unter Vierjährige noch Wartelisten. Die Stadt investiert kontinuierlich in zusätzliche Kapazitäten.
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