Das Wichtigste in Kürze
- Die Stadt Wien hat die Inklusionsförderung für Kindergärten 2026 verdreifacht – aber nur für das Kindergartenjahr, nicht für die Ferien
- Neun Wochen Sommerferien kosten Familien in Österreich 800 bis 1.200 Euro – für Eltern von Kindern mit Behinderung kommen hohe Zusatzkosten für Spezialbetreuung obendrauf
- Städtische Feriencamps in Wien sind für Kinder mit besonderem Förderbedarf oft nicht ausgelegt, es fehlt an heilpädagogisch geschultem Personal
- Barcelona und Kopenhagen zeigen mit Inklusionsassistenten und therapeutischem Personal in Feriencamps, wie inklusive Sommerbetreuung funktionieren kann
- Drei Maßnahmen würden helfen: Inklusionsassistenten für Ferien, eine zentrale Beratungsstelle und ein Mindestkontingent an inklusiven Plätzen in allen städtischen Camps
Letzte Woche saß ich in meinem Lieblingskaffeehaus in Favoriten und blätterte durch die Zeitung. Da war sie, die Meldung, die mich als ehemalige Kindergartenleiterin sofort elektrisierte: „Was kosten Familien die Sommerferien?“ Der Standard hatte nachgerechnet – und die Zahlen sind ernüchternd. Neun Wochen schulfrei bedeuten für eine Durchschnittsfamilie schnell 800 bis 1.200 Euro Mehrkosten. Für mich, nach zwölf Jahren Leitung eines städtischen Kindergartens im zehnten Bezirk, war das keine Überraschung. Aber was mich wirklich umtrieb: In dem ganzen Artikel kam kein einziges Wort über Familien mit behinderten Kindern vor.
Dabei weiß ich aus meiner Zeit in Favoriten genau: Für diese Eltern sind die Sommerferien nicht nur teuer – sie sind ein logistischer Albtraum. Und die Stadt Wien, die sich bei der Inklusion im Kindergarten gerne mit verdreifachten Förderungen schmückt, lässt diese Familien im Sommer weitgehend allein.
Neun Wochen, null Betreuung: Die Sommer-Lücke im Wiener System
In Wien gibt es während des Kindergartenjahres ein breites Angebot an inklusiven Einrichtungen. Die Stadt hat die Fördermittel für Integration und Inklusion in den letzten Jahren aufgestockt, Integrationsplätze wurden ausgebaut, und die politischen Bekenntnisse zur Inklusion sind zahlreich. Der Wiener Behindertenrat dokumentiert seit Jahren, wie sich die Situation in den Regelkindergärten verbessert hat – mehr Integrationsgruppen, mehr ausgebildetes Personal, mehr Bewusstsein dafür, dass Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam aufwachsen sollen. Aber all das gilt für das Kindergartenjahr, also von September bis Juni. Für die neun Wochen Sommerferien gelten andere Regeln – oder besser gesagt: gar keine.
Während der Sommermonate schließen viele städtische Kindergärten für mehrere Wochen. Die verbleibenden „Summer City Camps“ und Ferienbetreuungsangebote sind für Kinder mit besonderem Förderbedarf oft nicht ausgelegt. Wer ein Kind mit Down-Syndrom, Autismus-Spektrum-Störung oder körperlicher Behinderung hat, findet in den Standard-Feriencamps der Stadt Wien kaum einen Platz mit entsprechend geschultem Personal. Die Betreuerinnen und Betreuer in den Camps sind engagiert – aber sie sind keine Heilpädagoginnen. Sie haben weder die Ausbildung noch die Zeit, um ein Kind mit komplexem Förderbedarf angemessen zu begleiten. Die Alternative: private Betreuung – mit Stundensätzen, die sich gewaschen haben.
Was die verdreifachte Förderung wirklich bringt
Im April verkündete die Stadt Wien stolz: Die Inklusionsförderung für Kindergärten wird verdreifacht. Die neuen Budgetzahlen machten schnell die Runde – von den Trägerorganisationen bis zu den Fachmedien. Die Diakonie etwa begrüßte die Erhöhung, forderte aber gleichzeitig eine grundlegende Reform des gesamten Fördersystems. Denn das Geld fließt in die Regelbetreuung während des Kindergartenjahres. Für die Ferienbetreuung gibt es keine zweckgebundenen Inklusionsmittel, keinen eigenen Budgetposten, keine politische Zuständigkeit.
Ich erinnere mich an eine Mutter aus meiner Favoritner Einrichtung, deren Sohn mit einer schweren Sprachstörung in unserer Integrationsgruppe war. Im Juli und August stand sie jedes Jahr vor demselben Problem: Die städtischen Feriencamps konnten ihn nicht aufnehmen, weil keine Logopädin vor Ort war. Die private Ferienbetreuung mit heilpädagogischer Begleitung kostete 28 Euro die Stunde. Bei vier Wochen Betreuungsbedarf und sechs Stunden am Tag sind das knapp 3.400 Euro – für einen einzigen Sommer. Die Mutter, eine alleinerziehende Krankenpflegerin, reduzierte stattdessen ihre Arbeitszeit. Jahr für Jahr. Einen Urlaub mit ihrem Sohn hat sie sich seit seiner Geburt nicht geleistet.
Der Standard rechnet vor – und übersieht die Hälfte
Der aktuelle Standard-Artikel vom 10. Juli listet die Sommerkosten für Familien detailliert auf: Feriencamps, Tagesausflüge, Eintritte, Verpflegung, die obligatorische Eis-Portion am Nachmittag – das summiert sich. Aber was der Artikel nicht erfasst: die versteckten Kosten der mangelnden Inklusion. Wenn ein Feriencamp ein Kind mit Behinderung nicht aufnehmen kann, fallen nicht nur die Camp-Gebühren weg – es entstehen Alternativkosten, die um ein Vielfaches höher sind. Oder ein Elternteil reduziert die Arbeitszeit, was langfristig Gehaltseinbußen und geringere Pensionsansprüche bedeutet. Diese versteckten Folgekosten trägt die Familie allein.
Die Stadt Wien könnte hier ansetzen. In anderen europäischen Städten gibt es längst Modelle, wie inklusive Ferienbetreuung funktionieren kann. Barcelona etwa bietet städtische Sommercamps mit integriertem therapeutischem Personal an – Logopädie, Ergotherapie und Physiotherapie sind in den regulären Camp-Alltag eingebaut. In Kopenhagen gibt es städtisch finanzierte „Inklusionsassistenten“, die Kinder mit Behinderung in regulären Feriencamps eins zu eins begleiten. Wien, das sich gerne als lebenswerteste Stadt der Welt feiert, könnte sich davon eine Scheibe abschneiden. Aber dafür müsste die Stadt zunächst anerkennen, dass Inklusion nicht am 30. Juni endet.
Die NEOS und das Versprechen, das noch nicht eingelöst ist
Die Wiener NEOS haben im April auf ihrem Blog einen vielbeachteten Beitrag veröffentlicht: „So fördern wir Inklusion im Kindergarten“. Darin skizzieren sie eine Vision, in der jedes Kind – unabhängig von seinen Fähigkeiten – selbstverständlich am Regelbetrieb teilnimmt. Die Stadt Wien investiere Millionen, hieß es. Die Zahl der Integrationsplätze sei gestiegen. Der Ton war optimistisch, fast euphorisch.
Das alles mag für das Kindergartenjahr stimmen. Aber der Blogbeitrag endet an der Kindergarten-Tür. Was danach kommt – die schulfreien Zeiten, die Sommerferien, die Fenstertage – kommt in der Inklusionsstrategie der Stadt nicht vor. Der Österreichische Behindertenrat hat das in seiner Stellungnahme zur Fördererhöhung klar benannt: „Die Subvention ist ein wichtiger Schritt, aber sie entbindet die Stadt nicht von der Verantwortung, ganzjährige inklusive Strukturen zu schaffen.“ Das war im Oktober 2025. Ein Dreivierteljahr später hat sich an der Sommer-Problematik nichts geändert. Für mich als ehemalige Leiterin ist das schwer zu ertragen: Wenn ich im September dreißig Kindern einen inklusiven Alltag ermögliche und im Juli davon kein einziges in einem Feriencamp unterkommt, dann stimmt das System nicht.
Familien in der Zwickmühle: Zwischen Job, Geld und guter Betreuung
Was mich als ehemalige Leiterin besonders beschäftigt: Die Sommerbetreuungslücke trifft nicht alle Familien gleich hart. Eine Akademikerfamilie in Döbling kann sich eine private Urlaubsbetreuung mit heilpädagogischer Qualifikation vielleicht noch leisten. Eine alleinerziehende Verkäuferin in Simmering nicht. Und Familien, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, haben oft gar keinen Zugang zu den wenigen verfügbaren Angeboten, weil sie schlicht nicht wissen, dass es sie gibt – oder weil die bürokratischen Hürden zu hoch sind.
Das ist der Punkt, an dem Inklusion sozial ungerecht wird. Inklusion ist nicht nur eine Frage der Behinderung – sie ist eine Frage der Chancengerechtigkeit. Und wenn die Sommerbetreuung nur für jene funktioniert, die es sich leisten können oder die das richtige Formular auszufüllen wissen, dann haben wir ein System, das diejenigen ausschließt, die es am dringendsten bräuchten. Die Wiener Stadtregierung, die im Juni ihr erstes Jahr im Amt gefeiert hat, muss sich die Frage gefallen lassen: Ist Inklusion für alle da – oder nur für jene, die sie sich leisten können?
Was die Stadt Wien jetzt tun muss
Die Stadtregierung hat im Juni ihren ersten Jahrestag gefeiert und eine durchaus selbstbewusste Bilanz gezogen. Der Büchereien-SommerLeseClub läuft gut, die Summer City Camps sind beliebt, und die Stadt investiert in die Kinder-Infrastruktur. Aber bei der inklusiven Ferienbetreuung klafft eine Lücke, die sich nicht mit Pressemeldungen stopfen lässt.
Drei konkrete Maßnahmen würden die Situation spürbar verbessern: Erstens, ein städtisch finanziertes Kontingent an Inklusionsassistenten speziell für die Ferienbetreuung – ähnlich dem Kopenhagener Modell, aber adaptiert auf die Wiener Strukturen mit ihren vielen privaten und städtischen Trägern. Zweitens, eine zentrale Anlaufstelle für Eltern von Kindern mit Behinderung, die durch den Ferien-Dschungel lotsen kann – mehrsprachig, niederschwellig, mit echten Beratungszeiten auch am Abend. Und drittens, die Verpflichtung für alle städtisch geförderten Feriencamps, ein Mindestkontingent an inklusiven Plätzen vorzuhalten und dafür auch entsprechend geschultes Personal zu stellen.
Die Kosten dafür wären im Vergleich zu dem, was die Stadt ohnehin für Kinderbetreuung ausgibt, überschaubar. Aber der Nutzen wäre enorm – für die betroffenen Familien, für die Chancengleichheit und für eine Stadt, die ihr Inklusionsversprechen ernst nimmt. Ein Bruchteil der Mittel, die allein für die Kindergarten-Inklusion zusätzlich bereitgestellt wurden, umgewidmet für die Ferienbetreuung, würde Hunderte Familien aus der Sommer-Zwickmühle befreien.
Mein Fazit als Favoritnerin
Nach zwölf Jahren als Kindergartenleiterin im Zehnten habe ich gelernt: Die beste Pädagogik nützt nichts, wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen. Wien hat in der Elementarpädagogik viel erreicht – die verdreifachte Inklusionsförderung ist ein Meilenstein, ganz ohne Frage. Aber was im September gilt, muss auch im Juli und August gelten. Kinder mit Behinderung haben nicht nur im Kindergartenjahr ein Recht auf Teilhabe, sondern auch in den Ferien. Das ist kein Luxus, den man sich leisten können sollte – das ist ein Grundrecht.
Der Standard hat recht: Die Sommerferien sind für Familien ein finanzieller Kraftakt. Aber für manche Familien sind sie mehr als das – sie sind ein strukturelles Versagen des Systems. Und während ich meinen nächsten Kaffee in Favoriten trinke und den Kindern zusehe, die auf dem gegenüberliegenden Spielplatz toben, hoffe ich, dass die Stadt Wien nicht erst die nächste Wahl braucht, um das zu ändern. Ein Heurigen-Abend mit einem Glas Grünen Veltliner hilft beim Nachdenken – aber die Politik muss danach handeln.
Quellen
- Der Standard – Was kosten Familien die Sommerferien? 10.07.2026
- MeinBezirk.at – Kindergärten & Co: Stadt Wien verdreifacht Förderung für mehr Inklusion bei Kindern, 09.04.2026
- Österreichischer Behindertenrat – Inklusion in Wiener Kindergärten: Anspruch und Realität, 22.10.2025
- Diakonie.at – Träger:inneninitiative begrüßt Erhöhung der Inklusionsförderung, 27.04.2026
- wien.NEOS.eu – So fördern wir Inklusion im Kindergarten, 09.04.2026
- wien.ORF.at – Mehr Geld für Inklusion von Kindern, 12.04.2026
- bizeps.or.at – Wien investiert Millionen für Inklusion im Kindergarten, 30.04.2026
Dieser Artikel wurde am 13. Juli 2026 auf Basis aktueller Medienberichte und eigener Erfahrungen als ehemalige Kindergartenleiterin in Wien-Favoriten recherchiert.
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"Nach zwölf Jahren als Kindergartenleiterin in Favoriten sage ich: Die verdreifachte Inklusionsförderung ist ein Meilenstein, aber was im September gilt, muss auch im Juli und August gelten. Kinder mit Behinderung haben nicht nur im Kindergartenjahr ein Recht auf Teilhabe, sondern auch in den Ferien. Die Stadt muss das Geld nicht nur in die Regelbetreuung stecken, sondern gezielt inklusive Sommer-Angebote schaffen."— Elisabeth Huber, Wien & Elementarpädagogik · KitaHero-Redaktion
Häufige Fragen
Gibt es in Wien inklusive Ferienbetreuung für Kinder mit Behinderung?
Das reguläre Angebot der städtischen Summer City Camps ist für Kinder mit besonderem Förderbedarf nur eingeschränkt geeignet, da es meist an speziell geschultem Personal fehlt. Private Anbieter mit heilpädagogischem Angebot kosten zwischen 25 und 35 Euro pro Stunde. Eine zentrale städtische Koordinationsstelle für inklusive Ferienbetreuung existiert bisher nicht.
Was kostet inklusive Ferienbetreuung in Wien privat?
Private Ferienbetreuung mit heilpädagogischer Begleitung kostet in Wien etwa 25 bis 35 Euro pro Stunde. Bei sechs Stunden Betreuung pro Tag und vier Wochen Ferienbedarf summiert sich das auf rund 3.400 Euro. Für viele Familien ist das nicht leistbar, weshalb oft ein Elternteil die Arbeitszeit reduziert.
Was hat die Stadt Wien für Inklusion im Kindergarten getan?
Im April 2026 hat die Stadt Wien die Inklusionsförderung für Kindergärten verdreifacht. Träger wie die Diakonie begrüßten die Erhöhung grundsätzlich, kritisierten aber, dass dies keine grundlegende Reform des Systems ersetzt. Die erhöhten Mittel gelten zudem nur für das Kindergartenjahr, nicht für die Ferienbetreuung.
Welche Alternativen zur Ferienbetreuung gibt es für Wiener Familien mit behinderten Kindern?
Neben privater Betreuung können Familien Urlaub nehmen, auf Großeltern oder Verwandte zurückgreifen oder die Arbeitszeit reduzieren. Manche Eltern organisieren sich in informellen Netzwerken und teilen sich die Betreuung. Ein Rechtsanspruch auf inklusive Ferienbetreuung besteht in Wien nicht.
Wie machen andere Städte inklusive Ferienbetreuung?
Barcelona bietet städtische Sommercamps mit fest integriertem therapeutischem Personal an – Logopädie, Ergotherapie und Physiotherapie sind Teil des Camp-Alltags. In Kopenhagen gibt es städtisch finanzierte Inklusionsassistenten, die Kinder mit Behinderung in regulären Feriencamps eins zu eins begleiten. Beide Modelle sind für die Familien kostenlos oder stark vergünstigt.
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