Das Wichtigste in Kürze
- Ab 2028 werden die Kindergartengruppen in Wien von maximal 25 auf 22 Kinder reduziert
- Eine Höchstgrenze für Kinder mit gleicher nichtdeutscher Erstsprache soll für bessere sprachliche Durchmischung sorgen
- Ab Herbst 2027 gilt das zweite verpflichtende Kindergartenjahr für alle Vierjährigen
- Die Stadt investiert in neue Bildungscampusse, darunter den Nordwestbahnhof-Campus für 1.600 Kinder
- Pädagogen und Gewerkschaften kritisieren, dass die Arbeitsbedingungen der Fachkräfte kaum verbessert werden
Als ich heute Morgen bei einem kleinen Kaffeehaus in Favoriten die Zeitung aufschlug, musste ich kurz innehalten. Da war sie, die Meldung, auf die viele von uns seit Jahren warten: Wien reformiert seine Kindergärten grundlegend. Kleinere Gruppen, mehr Personal, neue Sprachregeln. Ich habe zwölf Jahre lang eine Kindergartengruppe in Favoriten geleitet. Ich weiß, wovon ich rede. Und ich sage Ihnen: Das ist der größte Umbau seit der Einführung des Gratis-Kindergartens.
Am 19. Juni 2026 hat die Wiener Stadtregierung ein Maßnahmenpaket vorgestellt, das den Elementarbereich in der Bundeshauptstadt auf neue Füße stellen soll. Die zentrale Neuerung: Ab 2028 werden die Gruppengrößen schrittweise reduziert. Statt bisher bis zu 25 Kinder pro Gruppe sollen es künftig maximal 22 sein. In Gruppen mit hohem Anteil an Kindern mit sprachlichem Förderbedarf gilt künftig eine Höchstgrenze. Und ja, da ist sie, die Sonderregel, die für Schlagzeilen sorgt: Es soll eine Obergrenze für Kinder mit gleicher nichtdeutscher Erstsprache geben. Ich komme darauf zurück.
Bildungsstadtrat Christoph Wiederkehr und Vizebürgermeisterin Bettina Emmerling präsentierten das Paket unter dem Titel „Kindergarten neu denken“. Es umfasst mehr als nur die Gruppengrößen. Auch die Elternarbeit soll gestärkt, die Sprachförderung ausgebaut und die Ausbildungskapazitäten für Elementarpädagoginnen erhöht werden. Ein zentraler Punkt, den ich besonders begrüße: Wien will sich als kinderfreundliche Stadt zertifizieren lassen – ein Prozess, der konkrete Standards und regelmäßige Kontrollen vorsieht.
Kleinere Gruppen ab 2028: Was konkret geplant ist
Die Reform sieht vor, dass die Gruppengröße in städtischen und geförderten privaten Kindergärten von derzeit maximal 25 auf höchstens 22 Kinder reduziert wird. Das klingt nach nur drei Kindern Unterschied – aber wer jemals eine Gruppe mit 25 Kindern betreut hat, weiß, dass diese drei den entscheidenden Unterschied machen können. Weniger Kinder bedeuten mehr Zeit für das einzelne Kind, weniger Lärmpegel, mehr Raum für gezielte Förderung.
Besonders brisant: Für Gruppen mit einem hohen Anteil an Kindern, die zu Hause kein Deutsch sprechen, soll eine Obergrenze gelten. Konkret: Nicht mehr als ein bestimmter Prozentsatz an Kindern mit gleicher nichtdeutscher Erstsprache pro Gruppe. Die genaue Zahl steht noch nicht fest – die Stadt spricht von einer „ausgewogenen Durchmischung“. Der Begriff „Migranten-Grenze“, den einige Medien verwenden, ist zugespitzt, aber er zeigt, wie kontrovers dieser Punkt ist.
Gleichzeitig wird das Personal aufgestockt. Pro Gruppe soll künftig mehr Fachpersonal zur Verfügung stehen – ein Punkt, den Gewerkschaften und Berufsverbände seit Jahren fordern. Ob die zusätzlichen Stellen angesichts des Fachkräftemangels besetzt werden können, ist allerdings eine offene Frage.
Die Sprachregelung – Sprengstoff mit Ansage
Die geplante Obergrenze für Kinder mit gleicher Fremdsprache ist das emotionalste Element der Reform. Befürworter argumentieren, dass Kinder nur dann Deutsch lernen, wenn sie im Kindergartenalltag genügend deutschsprachige Vorbilder haben. Kritiker sehen darin eine verdeckte Diskriminierung und warnen vor einer „Ghettoisierung light“, bei der Kinder mit Migrationshintergrund unter sich bleiben, nur eben in anderen Gruppen.
Ich verstehe beide Seiten. In meiner Zeit in Favoriten hatte ich Gruppen, in denen acht verschiedene Erstsprachen vertreten waren. Das war anstrengend, ja. Aber es war auch bereichernd. Ein Kind, das zu Hause Türkisch spricht, lernt Deutsch nicht dadurch, dass es nur mit deutschsprachigen Kindern zusammensitzt – es lernt Deutsch durch gezielte Sprachförderung, durch singen, spielen, vorlesen. Die Frage ist nicht die Zusammensetzung der Gruppe, sondern ob genügend Fachpersonal da ist, um jedes Kind individuell zu fördern.
Trotzdem: Ich habe auch erlebt, dass Kinder nach eineinhalb Jahren Kindergarten immer noch kaum Deutsch sprachen, weil sie in ihrer Gruppe fast nur Gleichsprachige hatten. Das ist keine Bildung, das ist Aufbewahrung. Wenn die Obergrenze dazu führt, dass mehr in Sprachförderung investiert wird, dann kann sie ein Hebel sein. Wenn sie nur ein bürokratischer Deckel ist, dann wird sie scheitern.
Zweites verpflichtendes Kindergartenjahr ab 2027
Parallel zur Gruppenreform kommt ab Herbst 2027 das zweite verpflichtende Kindergartenjahr. Kinder, die bis zum Stichtag vier Jahre alt sind, müssen dann zwei Jahre vor der Schule in den Kindergarten gehen – nicht nur eines wie bisher. Die Gemeinden haben bereits gewarnt, dass das vor allem für Großstädte wie Wien eine enorme Herausforderung darstellt. Mehr Kinder bedeuten mehr Gruppen, mehr Personal, mehr Räume.
Die Stadt Wien hat darauf reagiert und kündigte an, in den nächsten Jahren mehrere neue Bildungscampusse zu bauen. Der Spatenstich für den Campus am Nordwestbahnhof, der Platz für 1.600 Kinder bieten soll, erfolgte bereits. Weitere Standorte sind in Planung. Ob das reicht, wird sich zeigen. Ich erinnere mich an die Einführung des ersten Pflichtjahres – damals hieß es auch, alles sei vorbereitet, und dann fehlten trotzdem Hunderte Plätze.
Was Pädagoginnen und Pädagogen sagen
Die Reaktionen aus der Praxis fallen gemischt aus. Eine große österreichische Tageszeitung titelte am 8. Juni: „Pädagogen sind empört – Keine einzige Verbesserung“. Fachverbände der Elementarpädagoginnen kritisieren, dass die Reform zu sehr auf strukturelle Maßnahmen setze und die Arbeitsbedingungen der Fachkräfte kaum verbessere. Höhere Gehälter, mehr Vorbereitungszeit, kleinere Gruppen auch im Hortbereich – all das fehle.
Andere Stimmen sind positiver. Die Regierungspartei, die das Reformpaket maßgeblich vorangetrieben hat, verweist darauf, dass Wien im Bundesländervergleich bereits jetzt am meisten in die Elementarbildung investiere – ein städtischer Kindergartenplatz koste durchschnittlich rund 14.000 Euro pro Kind und Jahr. Mit der Reform steige dieser Betrag weiter.
Ich finde: Beide haben recht. Ja, Wien gibt viel Geld aus. Aber Geld allein macht keinen guten Kindergarten. Was wir brauchen, sind Fachkräfte, die morgens nicht schon erschöpft zur Tür hereinkommen, weil sie gestern bis 18 Uhr in der Gruppe standen und danach noch die Planung für den nächsten Tag machen mussten. Wir brauchen eine Aufwertung des Berufs, die über warme Worte hinausgeht. Eine kleinere Gruppe hilft – aber nur, wenn die Pädagogin, die vor ihr steht, auch die Kraft und die Ressourcen hat, sie zu führen.
Der Bildungscampus Nordwestbahnhof – ein Vorzeigeprojekt
Der Spatenstich für den Bildungscampus am Nordwestbahnhof ist ein starkes Signal. 1.600 Kinder sollen dort künftig betreut und unterrichtet werden – von der Krippe bis zur Sekundarstufe. Das Konzept der Bildungscampusse, das Wien seit einigen Jahren verfolgt, vereint Kindergarten, Schule und Freizeitpädagogik unter einem Dach. Die Übergänge zwischen den Bildungsetappen werden fließender, die Zusammenarbeit zwischen den Berufsgruppen enger.
Ich habe vor meiner Pensionierung einen dieser Campusse besichtigt – den in der Seestadt Aspern. Was mich beeindruckt hat, war nicht so sehr die Architektur, obwohl die durchaus gelungen ist. Es war die Haltung: Kinder werden hier nicht in Schubladen gesteckt – hier Kindergarten, da Schule – sondern als Lernende in einem durchgehenden Bildungsweg gesehen. Wenn der Nordwestbahnhof-Campus dieses Konzept weiterentwickelt, dann ist das ein echter Fortschritt.
Wo Wien im Vergleich zu anderen Städten steht
Im DACH-Vergleich ist Wien bei der Elementarbildung in einer komfortablen Position. Der Gratis-Kindergarten, 2009 eingeführt, hat andere Städte und Bundesländer unter Zugzwang gesetzt. Berlin zog mit der Gebührenfreiheit nach, in der Schweiz sind viele Städte noch weit davon entfernt. Was die Platzgarantie für Unter-Dreijährige angeht, liegt Wien allerdings hinter Städten wie Hamburg oder Zürich zurück.
Die geplante Reform könnte Wien wieder an die Spitze bringen – wenn sie denn umgesetzt wird. Das ist mein größter Vorbehalt. Ich habe in zwölf Jahren viele Ankündigungen gehört und wenige Taten gesehen. 2028 klingt weit genug entfernt, dass man es bequem versprechen kann, aber nah genug, dass die Wählerinnen und Wähler es noch im Kopf haben. Die entscheidende Frage ist nicht, was im Juni 2026 angekündigt wird, sondern was im September 2028 tatsächlich in den Gruppen ankommt.
Was Eltern jetzt wissen sollten
Wenn Sie ein Kind im Kindergartenalter in Wien haben, hier die wichtigsten Punkte für Ihren Alltag: Die Gruppenverkleinerung betrifft vor allem neu gebildete Gruppen ab 2028 – bestehende Gruppen werden nach und nach angepasst. Das zweite verpflichtende Kindergartenjahr startet im Herbst 2027 und gilt für alle Kinder, die bis zum 31. August vier Jahre alt sind. Die Stadt hat versichert, dass ausreichend Plätze zur Verfügung stehen werden.
Die neuen Sprachregeln sollen nicht dazu führen, dass Kinder nach ihrer Erstsprache sortiert werden. Vielmehr geht es um eine bessere Durchmischung bei der Gruppenzusammensetzung – ein Ziel, das die meisten Eltern vermutlich unterstützen. Konkrete Auswirkungen auf die Platzvergabe wird es frühestens ab dem Kindergartenjahr 2028/29 geben. Bis dahin bleibt Zeit für die Ausgestaltung der Details.
Falls Sie Fragen oder Bedenken haben: Die zuständige Magistratsabteilung 10 bietet regelmäßige Elternsprechstunden an, und auch die Bezirksvorstehungen sind Ansprechpartner bei Fragen zur Kindergartenplatzvergabe.
Was ich aus meiner Zeit in Favoriten gelernt habe
Ich will mit einer persönlichen Note schließen, so wie ich den Artikel begonnen habe. In meiner Zeit als Leiterin in Favoriten gab es einen Moment, der sich mir eingebrannt hat. Ein kleiner Bub, drei Jahre alt, kam neu in meine Gruppe. Er sprach kein Wort Deutsch, seine Eltern sprachen zu Hause Kurdisch. In den ersten Wochen saß er still in der Ecke und beobachtete. Ich dachte schon, er würde nie auftauen.
Nach etwa drei Monaten, beim gemeinsamen Singen im Morgenkreis, fing er plötzlich an mitzusingen. Nicht perfekt, aber mit einer Freude, die den ganzen Raum erfüllte. Das Lied war „Alle meine Entchen“. Er kannte es von nirgendwo, er hatte es in der Gruppe aufgeschnappt und in sich aufgesogen. In diesem Moment wurde mir klar: Es kommt nicht darauf an, wie viele Kinder mit welcher Erstsprache in einer Gruppe sitzen. Es kommt darauf an, dass genug Erwachsene da sind, die Zeit haben, mit den Kindern zu singen.
Wenn Wiens Reform dafür sorgt, dass mehr solcher Momente möglich werden – dann hat sie ihr Ziel erreicht. Wenn sie nur Schlagzeilen produziert, dann nicht. Ich bin, bei aller Skepsis, vorsichtig optimistisch. Aber ich werde genau hinschauen. Und das sollten Sie auch tun.
Quellen
- wien.ORF.at – 19. Juni 2026 – Auch Eltern einbeziehen: Wien startet große Kindergarten-Reform mit kleineren Gruppengrößen
- Der Standard – 19. Juni 2026 – Kindergartengruppen werden verkleinert
- Kurier – 19. Juni 2026 – Kindergarten-Reform: Das soll sich jetzt in Wien alles ändern
- vienna.at – 19. Juni 2026 – Wien krempelt Kindergärten um: Kleinere Gruppen und neue Sprachregeln
- Heute – 19. Juni 2026 – Ab 2028: Bis zu drei Kinder weniger: Kiga-Gruppen werden kleiner
- Kronen Zeitung – 19. Juni 2026 – Emmerling-Reform: Kindergärten bekommen bald eine Migranten-Grenze
- Kronen Zeitung – 8. Juni 2026 – Pädagogen sind empört: Kindergarten-Novelle: Keine einzige Verbesserung
- kommunal.at – 19. Juni 2026 – Zweites verpflichtendes Kindergartenjahr soll ab Herbst 2027 kommen
- Heute – 19. Juni 2026 – Areal Nordwestbahnhof: Spatenstich für Bildungscampus für 1.600 Kinder kommt
- Heute – 19. Juni 2026 – Wien will zertifizierte kinderfreundliche Stadt werden
- Kleine Zeitung – 19. Juni 2026 – Zweites verpflichtendes Kindergartenjahr: Gemeinden sehen Großstadt-Problem
Dieser Artikel wurde am 19. Juni 2026 auf Basis aktueller Wiener Medienberichte und eigener Erfahrung als ehemalige Kindergartenleiterin recherchiert.
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Häufige Fragen
Ab wann gelten die kleineren Kindergartengruppen in Wien?
Die Reduzierung von 25 auf 22 Kinder pro Gruppe soll schrittweise ab 2028 erfolgen. Bestehende Gruppen werden nach und nach angepasst, neu gebildete Gruppen starten direkt mit der geringeren Maximalgröße.
Was bedeutet die neue Sprachregelung für mein Kind?
Es soll eine Obergrenze für Kinder mit gleicher nichtdeutscher Erstsprache pro Gruppe geben, um eine bessere sprachliche Durchmischung zu erreichen. Die genaue Quote steht noch nicht fest. Ziel ist, dass alle Kinder ausreichend Kontakt zu deutschsprachigen Vorbildern haben.
Muss mein Kind ab 2027 zwei Jahre in den Kindergarten gehen?
Ja, ab Herbst 2027 gilt das zweite verpflichtende Kindergartenjahr. Alle Kinder, die bis zum 31. August vier Jahre alt sind, müssen dann zwei Jahre vor der Einschulung den Kindergarten besuchen.
Wird der Kindergarten in Wien weiterhin gratis bleiben?
Ja, der Gratis-Kindergarten in Wien bleibt erhalten. Die Reform ändert nichts an der Gebührenfreiheit, die seit 2009 gilt. Im Gegenteil: Die Investitionen pro Kindergartenplatz steigen durch die Reform weiter.
Wie finde ich einen Kindergartenplatz in Wien?
Die Vergabe erfolgt über die Magistratsabteilung 10 der Stadt Wien. Die Anmeldung für das nächste Kindergartenjahr beginnt jeweils im November. Bei Fragen helfen auch die Bezirksvorstehungen und die Elternsprechstunden der MA 10 weiter.
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