Das Wichtigste in Kürze
- Der Welser Gemeinderat beschloss am 7. Juli 2026 ein Paket für neue Schule und Kindergarten-Sanierung – ohne begleitende Gehaltsmaßnahmen
- Private Träger in Österreich zahlen Elementarpädagoginnen 2026 bis zu 3,7 Prozent mehr Gehalt – die Stadt Wels hat keinen eigenen Gehaltsvorstoß kommuniziert
- Die Kindergarten-Ausbildungsoffensive Österreichs zeigt laut Der Standard noch keine Wirkung – die Abwanderung aus dem Beruf hält an
- Elementarpädagoginnen starten in Oberösterreich bei 2.600 bis 3.200 Euro brutto – rund 500 bis 700 Euro weniger als Pflichtschullehrerinnen
- Eine kommunale Fachkräfte-Zulage von 200-300 Euro monatlich könnte den Exodus aus dem städtischen System bremsen
Es gibt diese Momente, in denen man als ehemalige Kindergarten-Leiterin nur noch den Kopf schütteln kann. Der Welser Gemeinderat hat Anfang Juli 2026 die Weichen für eine neue Schule und eine umfassende Kindergarten-Sanierung gestellt. Mitte Juli folgt der Spatenstich für einen neuen Kindergarten im nahen Sipbachzell. Millionen fließen in Oberösterreichs Bildungsinfrastruktur – und das ist gut so. Aber während in Sitzungssälen über Quadratmeter und Baustoffe diskutiert wird, fehlt in den Protokollen ein Wort, das die eigentliche Krise benennt: Gehalt.
Ich habe zwölf Jahre einen städtischen Kindergarten in Wien-Favoriten geleitet, bevor ich in die Redaktion gewechselt bin. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn der Dienstplan platzt, weil wieder eine Kollegin gekündigt hat – nicht weil sie den Job nicht liebt, sondern weil sie von dem Gehalt in einer oberösterreichischen Stadt mit Mietpreisen wie in Linz einfach nicht mehr leben kann. Wels baut jetzt Steine. Aber wer soll die Räume mit Leben füllen?
Der Gemeinderat hat geliefert – Steine, nicht Gehälter
Die Fakten aus dem Welser Rathaus sind schnell erzählt: In der Gemeinderatssitzung vom 7. Juli 2026 wurde ein Paket zur Bildungsinfrastruktur beschlossen. Eine neue Schule soll entstehen, ein bestehender Kindergarten wird saniert. Tags darauf, am 8. Juli, erfolgte in Sipbachzell – weniger als zehn Kilometer von Wels entfernt – der Spatenstich für einen weiteren neuen Kindergarten. Die Region investiert sichtbar in die Jüngsten.
Aber während die Bagger anrollen, bleibt die Personalfrage ungelöst. Die neue Schule wird Klassenräume haben, der sanierte Kindergarten helle Gruppenräume – aber wenn in den kommenden Jahren die Pensionierungswelle unter den städtischen Elementarpädagoginnen einsetzt und keine jungen Fachkräfte nachkommen, dann stehen diese Räume halb leer. Denn die Gehaltsfrage, die eigentliche Personalreserve jeder Bildungseinrichtung, ist kein Thema der aktuellen Gemeinderatsprotokolle.
Wer in Welser Kindergärten arbeitet, verdient nach dem Kollektivvertrag der Stadt – und der liegt, so sagen es mir Kolleginnen aus Oberösterreich, spürbar unter dem, was private Träger in derselben Region zahlen. Bei privaten Kinderbildungseinrichtungen gab es für 2026 ein Gehaltsplus von 3,5 bis 3,7 Prozent. Der Caritas-Kollektivvertrag brachte 2,6 Prozent ab April. Die Stadt Wels hingegen hat keinen eigenen Gehaltsvorstoß kommuniziert. Man baut. Man zahlt nicht besser.
Die oberösterreichische Gehaltslücke – was Elementarpädagoginnen wirklich verdienen
Die Zahlen sind kein Geheimnis, aber sie werden selten so klar ausgesprochen: Eine Elementarpädagogin in einer städtischen Einrichtung in Oberösterreich startet je nach Dienstalter und Zulagen bei einem Bruttomonatsgehalt zwischen 2.600 und 3.200 Euro. Das klingt nach einem soliden Einkommen – bis man die Mietpreise in Wels danebenlegt. Eine 70-Quadratmeter-Wohnung im Stadtteil Vogelweide kostet inzwischen 750 bis 900 Euro kalt. Dazu kommen Energiekosten, die seit 2021 um fast vierzig Prozent gestiegen sind. Was am Ende des Monats übrig bleibt, reicht für ein Wiener Schnitzel beim Heurigen – aber nicht für die Frage, ob man sich diesen Job in zehn Jahren noch leisten kann.
Zum Vergleich: Eine Verkäuferin im Einzelhandel in Oberösterreich steigt nach Kollektivvertrag bei etwa 1.900 Euro brutto ein, mit moderatem Stresslevel und ohne die Dokumentationspflichten einer Pädagogin. Eine Elementarpädagogin trägt die Verantwortung für bis zu 25 Kinder, dokumentiert Entwicklungsfortschritte, führt Elterngespräche und bewältigt einen Arbeitstag, der mit dem Schließen der Tür nicht endet. Für diesen Einsatz verdient sie nach fünf Jahren kaum mehr als zu Beginn.
Gleichzeitig weisen Fachgewerkschaften seit Jahren darauf hin, dass die Wertschätzung für Elementarpädagoginnen im Gehaltsgefüge nicht abgebildet wird. Im Vergleich zu anderen Berufsgruppen mit ähnlich langer Ausbildung und ähnlicher Verantwortung liegt das Einstiegsgehalt einer Elementarpädagogin rund 500 bis 700 Euro unter dem einer Pflichtschullehrerin. Das ist keine Lücke, das ist ein Abgrund – und er wird jedes Jahr tiefer.
Ausbildungsoffensive ohne Wirkung – woran es wirklich hakt
Österreich hat in den letzten Jahren eine Ausbildungsoffensive für Elementarpädagoginnen gestartet. Im Juni 2026 wurde bekannt, dass diese Offensive noch keine Wirkung zeigt. Die Zahl der Absolventinnen steigt – aber die Zahl derer, die nach drei Jahren noch im Beruf sind, sinkt. Die Elementarpädagogik wurde im Frühjahr 2026 zu den Mangelberufen des Jahres gezählt.
Die Gründe für die Abwanderung sind kein Geheimnis. In österreichweiten Befragungen nannten Elementarpädagoginnen als Hauptfaktoren: zu große Gruppen, zu wenig Vorbereitungszeit und ein Gehalt, das die gestiegenen Lebenshaltungskosten nicht abbildet. Wer in Wels eine Familie gründen will, aber mit 2.800 Euro brutto rechnen muss, der fängt früher oder später an, die Stellenanzeigen zu lesen.
Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer jungen Kollegin aus dem Wiener Gemeindebau, die mit mir vor vielen Jahren in derselben Einrichtung anfing. „Weißt du, Elisabeth“, sagte sie, „ich liebe die Kinder. Aber ich will auch mal in Urlaub fahren.“ Heute arbeitet sie in der Privatwirtschaft, verdient mehr, hat weniger Stress. Das ist kein Einzelfall – das ist ein struktureller Exodus, den Oberösterreich genauso spürt wie Wien. Kein Wunder: Wer die Wahl hat zwischen einem städtischen Kindergarten mit 25 Kindern, steigenden Anforderungen und stagnierendem Gehalt – oder einer Stelle bei einem privaten Träger mit besserem Kollektivvertrag oder einer anderen Branche – der geht.
Wie Wels mit dem Widerspruch umgeht – und was noch fehlt
Die Stadt Wels ist nicht untätig. Sie hat in den vergangenen Jahren einiges auf die Beine gestellt: Die Kinderbetreuung wurde mehrfach mit Bestnoten bewertet, es gibt digitale Anmeldesysteme, eine Sommerferienbetreuung, Sprachförderung für 72 Prozent der Kinder. Der Umweltschutzpreis 2026 ging an ein Projekt, bei dem Welser Kinder gesundes Essen entdecken. All das sind gute Nachrichten – aber sie betreffen die Infrastruktur, nicht das Personal.
Und hier zeigt sich ein Widerspruch, der in Wels stellvertretend für viele Kommunen im deutschsprachigen Raum steht: Man investiert großzügig in Gebäude, weil die sich fotografieren lassen. Ein neuer Kindergarten ist ein Pressetermin mit Bagger, Helm und Kinderzeichnung. Eine Gehaltserhöhung für Elementarpädagoginnen ist eine Zeile im Budget, die niemandem ein schönes Foto liefert. Aber genau diese zweite Investition – in die Menschen, die in den neuen Räumen arbeiten sollen – entscheidet darüber, ob Wels in fünf Jahren noch genug Fachkräfte hat.
Was Wien und Oberösterreich gemeinsam haben – und was nicht
In Wien hat der Personalmangel in städtischen Kindergärten inzwischen dazu geführt, dass Gruppen zusammengelegt und Betreuungszeiten gekürzt werden. Die Bundeshauptstadt verliert jedes Jahr hunderte Fachkräfte an private Träger und andere Branchen. Oberösterreich ist noch nicht so weit – aber die Muster sind dieselben.
Was Wien nicht hat, sind die kurzen Wege einer Stadt wie Wels mit ihren knapp 65.000 Einwohnern. Ein Bürgermeister kann an einem Vormittag drei Kindergärten besuchen und mit den Leiterinnen sprechen. Eine Gemeinderätin kann den Personalstand aller städtischen Einrichtungen auf zwei DIN-A4-Seiten überblicken. Die politische Handlungsfähigkeit ist da – sie wird nur nicht für das Gehaltsthema genutzt. Stattdessen verschickt die Stadt Pressemitteilungen über digitalisierte Anmeldeformulare, als ob ein Online-Formular das Problem fehlender Fachkräfte lösen könnte.
Drei Dinge, die Wels jetzt tun müsste
Als ehemalige Leiterin habe ich eine klare Vorstellung davon, was in einer Stadt wie Wels möglich wäre – und zwar sofort.
Erstens: Eine Fachkräfte-Zulage für alle städtischen Elementarpädagoginnen. Monatlich 200 bis 300 Euro brutto zusätzlich, befristet auf drei Jahre, danach evaluiert. So eine Zulage schafft einen unmittelbaren Anreiz, im städtischen System zu bleiben – und sie signalisiert: Wir nehmen das Problem ernst. Die Stadt Linz hat Ähnliches mit ihrer Arbeitsmarktzulage vorgemacht; Wels könnte nachziehen.
Zweitens: Ein Personalentwicklungsplan, der genauso detailliert ist wie der Bauplan für die neue Schule. Wie viele Fachkräfte brauchen die neuen Einrichtungen? Woher sollen sie kommen? Welche Quereinsteiger-Modelle gibt es? Ein Bauplan ohne Personalplan ist wie ein Auto ohne Motor – es steht schön da, fährt aber nicht.
Drittens: Transparenz. Die Stadt Wels veröffentlicht auf ihrer Website detaillierte Informationen zur Kinderbetreuung. Warum nicht auch zum Personalschlüssel, zu den tatsächlichen Gehältern und zu den Abwanderungsquoten? Wer nichts misst, kann nichts verbessern. Die Welser Eltern, die ihre Kinder in die neuen Einrichtungen schicken werden, haben ein Recht zu erfahren, wie es um die Menschen bestellt ist, die ihre Kinder betreuen.
Der größere Rahmen: Österreichs Gehaltskrise in der Elementarpädagogik
Was in Wels passiert, ist die lokale Ausprägung eines nationalen Problems. Das österreichische Budgetsanierungspaket, über das im Sommer 2026 gestritten wird, sieht Einsparungen in vielen Bereichen vor – aber Investitionen in Kindergärten, Pflege und Arbeitsmarkt werden ausdrücklich ausgenommen. Aus dem Budgetsanierungspaket geht hervor: Während anderswo gespart wird, fließt Geld in die Kinderbetreuung. Die Frage ist nur: in was genau? In Gebäude? Oder in die Gehälter derer, die die Arbeit machen?
Solange österreichische Kommunen lieber Spatenstiche feiern als Gehaltserhöhungen verkünden, wird sich an der Fachkräftelücke nichts ändern. Die privaten Träger werden weiterhin die besseren Kollektivverträge bieten – und das städtische System wird zum Ausbildungs- und Durchlauferhitzer für eine Branche, in der die öffentliche Hand das Nachsehen hat. Die Kinder – und das ist das eigentlich Bittere – bekommen davon nur indirekt etwas mit. Sie sehen die neuen Räume. Sie spüren nicht, dass ihre Lieblingspädagogin nur deshalb gegangen ist, weil sie in einem anderen Job dreihundert Euro mehr im Monat verdient.
Quellen
- MeinBezirk.at – Aus dem Gemeinderat: Wels stellt Weichen für neue Schule und Kindergarten-Sanierung – 07.07.2026
- Tips.at – Spatenstich für Sipbachzeller Kindergarten – 08.07.2026
- Gewerkschaft GPA – Private Kinderbildung und -betreuung: Gehälter steigen um +3,5 bzw +3,7 Prozent – 2026
- Gewerkschaft GPA – Kollektivvertrag Caritas 2026: Beschäftigte erhalten ab April 2,6 Prozent mehr Gehalt – 2026
- Der Standard – Kindergarten-Ausbildungsoffensive zeigt noch keine Wirkung – Juni 2026
- Kleine Zeitung – Die Mangelberufe im Jahr 2026: Von der Pädagogin bis zum Philosophen – Frühjahr 2026
- Kontrast.at – Budgetsanierung bringt Investitionen in Kindergärten, Pflege und Arbeitsmarkt – 2026
- MeinBezirk.at – Umweltschutzpreis Wels: Wie Welser Kinder und Jugendliche gesundes Essen entdecken – 09.07.2026
Dieser Artikel wurde am 12. Juli 2026 auf Basis aktueller Gemeinderatsbeschlüsse und österreichweiter Gehaltsdaten recherchiert.
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Häufige Fragen
Was hat der Welser Gemeinderat am 7. Juli 2026 beschlossen?
Der Gemeinderat stellte die Weichen für den Bau einer neuen Schule und die Sanierung eines bestehenden Kindergartens. Tags darauf erfolgte der Spatenstich für einen neuen Kindergarten im nahen Sipbachzell. Gehaltsmaßnahmen für das Personal waren nicht Teil des Beschlusspakets.
Wie viel verdient eine Elementarpädagogin in Oberösterreich?
Das Einstiegsgehalt liegt je nach Dienstalter und Zulagen zwischen 2.600 und 3.200 Euro brutto monatlich. In privaten Einrichtungen fällt es durch bessere Kollektivverträge oft höher aus. Pflichtschullehrerinnen verdienen bei vergleichbarer Ausbildung rund 500 bis 700 Euro mehr.
Warum verlassen so viele Elementarpädagoginnen den Beruf?
Die Hauptgründe sind das Missverhältnis zwischen Verantwortung und Bezahlung, große Gruppen bei knappem Personalschlüssel und fehlende Aufstiegschancen. Private Träger bieten attraktivere Kollektivverträge – viele Fachkräfte wechseln dorthin oder ganz aus der Branche.
Was kann die Stadt Wels tun, um Fachkräfte zu halten?
Drei Maßnahmen wären sofort umsetzbar: eine Fachkräfte-Zulage von 200 bis 300 Euro monatlich für städtische Elementarpädagoginnen, ein Personalentwicklungsplan parallel zum Bauprogramm und mehr Transparenz bei Gehältern und Abwanderungsquoten.
Gibt es in Österreich generell zu wenig Elementarpädagoginnen?
Ja, die Kleine Zeitung listete den Beruf 2026 unter den Mangelberufen. Die Zahl der Absolventinnen steigt zwar, aber viele verlassen den Beruf nach wenigen Jahren wieder. Besonders die städtischen Träger konkurrieren mit privaten Einrichtungen um das verbleibende Personal.
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