Wie Zürich mit Millionen und dem Situationsansatz die Kita-Qualität neu denkt

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Das Wichtigste in Kürze

  • Die Stadt Zürich investierte 2025 insgesamt 96,5 Millionen Franken in die familienergänzende Kinderbetreuung; 2,4 Millionen davon flossen direkt in die Qualitätsförderung privater Kitas.
  • Der Situationsansatz stellt die Lebenswelt der Kinder ins Zentrum: Statt fixer Lehrpläne werden reale Erlebnisse, Fragen und Herausforderungen zum Ausgangspunkt von Lernprozessen.
  • In der Kita Selnau wird der Situationsansatz mit den Bildungs- und Lerngeschichten (BULG) und der Pikler-Pädagogik kombiniert — ein Beispiel für konkrete pädagogische Qualität.
  • Das Förderprogramm «Gut vorbereitet in den Kindergarten» erreichte 2025/26 über 490 Kinder in 155 Kitas und richtet sich besonders an Kinder mit sprachlichem Förderbedarf.
  • Während die Stadt Zürich bildungspolitisch investiert, lehnte der Kanton eine kantonale Mitfinanzierung der familienergänzenden Betreuung ab — eine Kluft, die Eltern ausserhalb der Stadtgrenzen trifft.

Wenn ich in Zürich aus dem Zug steige und Richtung Limmat laufe, denke ich manchmal: Wie anders diese Stadt tickt als mein Fribourg. Nicht besser, nicht schlechter — einfach anders. In Fribourg diskutieren wir seit Jahren über die Zweisprachigkeit als pädagogischen Schatz. In Zürich reden sie über Millionen.

Was 96,5 Millionen Franken bewirken

96,5 Millionen Franken hat die Stadt Zürich 2025 für die familienergänzende Kinderbetreuung ausgegeben. Eine Zahl, die mich als Romandie-Mensch kurz durchatmen lässt. Davon flossen 2,4 Millionen Franken gezielt in die Qualitätsförderung privater Kitas. Das ist nicht einfach nur Geld — das ist eine Aussage. Eine Aussage darüber, was dieser Stadt die frühkindliche Bildung wert ist.

In den vergangenen Jahren hat sich der Druck auf Kitas erhöht. Die Anzahl Kinder im Vorschulalter sank in Zürich von 21’177 (2024) auf 20’846 (2025). Gleichzeitig ging die Zahl der Betreuungsplätze von 11’926 auf 11’772 zurück, die Versorgungsquote sank leicht von 97,4 auf 96,1 Prozent. Weniger Kinder, weniger Plätze — und trotzdem hält die Stadt an ihrem Qualitätskurs fest. Der naheliegende Reflex in Zeiten sinkender Kinderzahlen wäre Sparen. Zürich geht den umgekehrten Weg und investiert in das, was in jeder einzelnen Einrichtung passiert: in den pädagogischen Alltag.

Der Situationsansatz — wenn Kinderleben zum Lehrplan wird

Doch was heisst «Qualität» konkret? Eine Antwort findet sich in der pädagogischen Ausrichtung, die mehrere städtische Kitas prägt: der Situationsansatz. Sein Grundgedanke ist so einfach wie radikal: Nicht ein Lehrplan bestimmt, was Kinder lernen — sondern ihr eigenes Leben gibt die Themen vor. Die Erfahrungen, Fragen und Herausforderungen, denen Kinder in ihrem Alltag begegnen, werden zum Ausgangspunkt von Bildung.

Der entscheidende Unterschied zum klassischen Frontalunterricht oder zu verschulten Programmen liegt darin, dass die Kinder nicht Objekte der Belehrung sind, sondern aktive Gestalter ihres eigenen Lernens. Eine Fachkraft im Situationsansatz ist nicht diejenige, die sagt «Heute lernen wir etwas über Tiere», sondern diejenige, die das Gespräch der Kinder über die Katze vom Nachbarn aufgreift und daraus eine vielschichtige Lernerfahrung macht — mit Bilderbüchern, einem Besuch im Tierheim, dem Nachmessen von Katzenlängen und dem Schreiben einer Geschichte.

Die Grundannahme: Lernen erhält für Kinder Sinn und Bedeutung, weil es an ihre Lebenswelt anknüpft. Ein Kind lernt nicht Zählen um des Zählens willen — es zählt die Tage bis zum Geburtstag. Es lernt nicht Schreiben als Selbstzweck — es schreibt einen Einkaufszettel für den gemeinsamen Znüni. Kinder werden dabei als handelnde Subjekte ernst genommen, nicht als leere Gefässe, die mit Wissen befüllt werden müssen. Dieser pädagogische Respekt vor der Eigenaktivität des Kindes ist das Fundament des Situationsansatzes.

Ein Morgen in der Kita Selnau

Wie sieht das in der Praxis aus? Die Kita Selnau im Zürcher Stadtzentrum bietet 31 Plätze für Kinder von drei Monaten bis zum Kindergarteneintritt. Hier gibt es keine festen Wochenpläne. Stattdessen beobachten die Fachkräfte genau, was die Kinder gerade beschäftigt: Vielleicht hat ein Kind am Wochenende einen Bauernhof besucht und erzählt davon. Vielleicht sorgt eine Baustelle vor dem Fenster für Diskussionen. Vielleicht beschäftigt ein neues Geschwisterkind die Gruppe. Aus diesen realen Situationen entstehen Projekte, die naturwissenschaftliche, sprachliche und soziale Lernprozesse miteinander verweben.

Die Kita Selnau kombiniert den Situationsansatz mit den Bildungs- und Lerngeschichten (BULG), einem Beobachtungsverfahren aus Neuseeland, und für die Säuglingsgruppe mit der Pikler-Pädagogik, die auf achtsame Pflege und freie Bewegungsentwicklung setzt. Diese Mischung zeigt, dass Qualität keine Einheitslösung ist, sondern ein fein austariertes Zusammenspiel verschiedener pädagogischer Zugänge. In Zürich ist das keine Ausnahme: Die elf städtischen Kitas arbeiten seit Jahren mit bildungsorientierten Konzepten, zu denen der Situationsansatz ebenso gehört wie das Infans-Konzept der Frühpädagogik.

Qualität, die ankommt — 490 Kinder in 155 Kitas

Die 2,4 Millionen Franken, die Zürich jährlich in die Qualitätsförderung investiert, finanzieren Weiterbildungen für Fachpersonal, Fachberatungen für Kita-Leitungen und Qualitätsentwicklungsprozesse in den Einrichtungen. Es geht um die Frage, wie aus guter Betreuung eine Bildung wird, die Kinder tatsächlich in ihrer Entwicklung unterstützt.

Das Programm «Gut vorbereitet in den Kindergarten» erreichte 2025/26 über 490 Kinder in 155 Kitas. Es richtet sich an Kinder mit sprachlichem Förderbedarf, Kinder aus bildungsfernen Haushalten und Kinder mit besonderen Bedürfnissen. In der Kita Selnau sind Plätze explizit für diese Kinder reserviert — eine bewusste Entscheidung gegen die soziale Segregation, die private Kita-Landschaften oft prägt.

Die Logik, die hinter dieser Investition steht, hat die Stadt selbst auf den Punkt gebracht: Hochwertige familienergänzende Angebote der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung stärken die kognitive, sprachliche und sozio-emotionale Entwicklung von Kindern, verbessern die Startchancen beim Schuleintritt und tragen langfristig zur Chancengerechtigkeit bei — insbesondere für Kinder aus sozial belasteten Familien.

Stadt vs. Kanton — das Zürcher Gefälle

Der Kanton Zürich tut sich auf kantonaler Ebene allerdings schwerer als die Stadt. Während die Stadt mit 96,5 Millionen Franken eine klare bildungspolitische Priorität setzt, lehnte der Regierungsrat eine kantonale Mitfinanzierung der familienergänzenden Betreuung noch 2025 ab. Die Kluft zwischen urbaner Kita-Politik und kantonaler Zurückhaltung ist ein typisch schweizerisches Muster — und eines, das Eltern in Gemeinden ausserhalb der Stadt Zürich zu spüren bekommen.

Was früher «Betreuung» hiess — ein Kind ist versorgt, die Eltern können arbeiten — ist in der Stadt längst zu einem anspruchsvollen Bildungsauftrag geworden. Der dafür nötige Kulturwandel in der Wahrnehmung von Kitas als Bildungseinrichtungen statt als Verwahranstalten ist auf kantonaler Ebene noch nicht überall angekommen. Dabei geht es um mehr als um politische Zuständigkeiten: Es geht um die Frage, ob jedes Kind im Kanton Zugang zu pädagogisch hochwertiger Betreuung hat — oder nur jene, deren Eltern zufällig in der richtigen Gemeinde wohnen.

Zwischen Romandie und Limmat — ein Vergleich

Als jemand, der in Fribourg mit beiden Füssen in zwei Sprachkulturen steht, sehe ich diese Entwicklung mit besonderem Interesse. In der Westschweiz gibt es eine lange Tradition staatlich organisierter Frühförderung — die «structures d’accueil» sind stärker in den Bildungskanon integriert als in weiten Teilen der Deutschschweiz. Zürichs Qualitätsoffensive ist bemerkenswert, weil sie einen bildungsorientierten Weg einschlägt, der in der Romandie selbstverständlicher ist — aber mit einem Budget, von dem kleinere Westschweizer Gemeinden nur träumen können.

Gleichzeitig unterscheiden sich die pädagogischen Wurzeln: Während in der Deutschschweiz der Situationsansatz und die Pikler-Pädagogik aus dem deutschsprachigen und osteuropäischen Raum dominieren, prägen in der Romandie die Ansätze der éducation nouvelle aus Frankreich und Belgien die Praxis. Beide Traditionen sehen das Kind als aktiven Lernenden — aber sie formulieren es mit unterschiedlichen Begriffen und Methoden. Dass Zürich mit dem Situationsansatz bewusst ein Konzept der deutschen Reformpädagogik wählt, zeigt auch eine kulturelle Entscheidung: für eine Pädagogik, die den deutschsprachigen Diskurs der Frühbildung ernst nimmt.

Was heisst das für Eltern?

Was bedeutet das alles für eine Mutter oder einen Vater, die morgens ihr Kind in eine Zürcher Kita bringen? Zunächst einmal: dass in den Räumen, in denen ihr Kind den Tag verbringt, mehr passiert als Aufsicht. Dass dort Fachkräfte arbeiten, die gelernt haben, die Interessen der Kinder zu lesen und in Bildungsprojekte zu übersetzen. Dass die Stadt bereit ist, dafür Geld in die Hand zu nehmen — nicht als freiwillige Sozialleistung, sondern als Investition in die Zukunft dieser Kinder.

Für Eltern, die vor der Wahl einer Kita stehen, bedeutet das: Sie können sich nicht nur fragen, ob die Einrichtung einen guten Ruf hat oder ob die Öffnungszeiten passen. Sie können auch fragen, nach welchem pädagogischen Konzept gearbeitet wird. Ob die Fachkräfte regelmässig Weiterbildungen besuchen. Ob es eine Fachberatung gibt, die das Team begleitet. In Zürich gibt es auf diese Fragen zunehmend Antworten — nicht weil jede einzelne Kita perfekt wäre, sondern weil die Stadt mit ihrer Qualitätsoffensive einen Rahmen geschaffen hat, in dem diese Fragen überhaupt gestellt werden.

Qualität ist kein Zufallsprodukt. Sie entsteht nicht einfach dadurch, dass engagierte Erzieherinnen und Erzieher ihren Job gut machen. Sie entsteht, weil eine Stadt sich entscheidet, dass die ersten Lebensjahre eine Bildungsinvestition wert sind. Weil sie bereit ist, Fachberatung zu finanzieren, Teams weiterzubilden und Konzepte weiterzuentwickeln. Der Situationsansatz ist dafür ein überzeugendes Werkzeug — aber seine Umsetzung braucht Ressourcen.

Auch der Fachkräftemangel, der die gesamte Branche beschäftigt, lässt sich mit Geld allein nicht lösen. Aber die 2,4 Millionen Franken für Qualitätsförderung schaffen Anreize: Wer in einer Einrichtung arbeitet, die pädagogisch auf der Höhe der Zeit ist, wer Weiterbildungen besuchen kann und fachliche Begleitung erlebt, bleibt eher im Beruf. Qualitätsförderung ist in diesem Sinne auch Personalförderung — ein Aspekt, der in der aufgeheizten Debatte um Kita-Kosten oft untergeht.

Vielleicht ist das die eigentliche Lektion aus Zürich: Es ist nicht nur die Summe, die zählt, sondern die Haltung, die dahintersteht. Qualität braucht Geld — ja. Aber sie braucht vor allem die Überzeugung, dass die frühe Kindheit eine Bildungsinvestition wert ist. Und die Erkenntnis, dass das Kind, das heute in der Kita Selnau mit leuchtenden Augen von einem Bauernhof erzählt und daraus ein ganzes Projekt werden sieht, etwas erlebt, das kein Sparprogramm ersetzen kann: Bildung, die dort beginnt, wo das Leben der Kinder stattfindet.

Quellen

  • Nau.ch, 21. Mai 2026 — Zürich investiert Millionen in Kita-Qualität
  • Stadt Zürich, Kitas — Angebot Kita Selnau: Unser pädagogisches Angebot
  • Institut für den Situationsansatz (ISTA), Berlin — Das pädagogische Konzept Situationsansatz
  • Institut für den Situationsansatz (ISTA), Berlin — Bundesnetzwerk Situationsansatz
  • Stadt Zürich, Sozialdepartement — Report Kinderbetreuung 2025

Dieser Artikel wurde am 17. Juni 2026 recherchiert und verfasst.

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Hinweis der Redaktion: Dieser Beitrag wurde von der KitaHero-Redaktion sorgfältig recherchiert und dient ausschließlich der allgemeinen Information. Er stellt keine rechtliche, medizinische oder pädagogische Beratung im Einzelfall dar und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Aktualität. Verbindlich sind im Zweifel stets die offiziellen Auskünfte der jeweiligen Träger, Behörden und Fachstellen. Solltest du einen Fehler entdecken, freuen wir uns über einen kurzen Hinweis über unsere Kontaktseite.
"Wenn Zürich 2,4 Millionen Franken in die pädagogische Qualität seiner Kitas investiert, dann ist das kein Verwaltungsakt — es ist die Anerkennung, dass Bildung nicht mit dem Schuleintritt beginnt, sondern mit dem ersten Tag, an dem ein Kind seine Welt zu verstehen versucht."
— Marc Zimmermann, Redaktor kitahero.com

Häufige Fragen

Was ist der Situationsansatz?

Der Situationsansatz ist ein pädagogisches Konzept, das in der Elementarpädagogik entwickelt wurde. Kinder lernen nicht nach festen Lehrplänen, sondern ausgehend von ihren eigenen Erfahrungen, Fragen und Alltagssituationen. Ziel ist, dass Kinder ihre Lebenswelt verstehen und selbstbestimmt, kompetent und verantwortungsvoll gestalten lernen.

Wie viele Kitas gibt es in der Stadt Zürich?

Per Ende 2025 gab es in der Stadt Zürich insgesamt 321 Kitas mit 11'772 Betreuungsplätzen. 96 Prozent der Kitas boten subventionierte Plätze an. Die Versorgungsquote lag bei 96,1 Prozent.

Was bedeutet die Qualitätsförderung konkret?

Die Stadt Zürich finanziert mit jährlich 2,4 Millionen Franken Massnahmen wie Weiterbildungen für Fachpersonal, Fachberatungen für Kita-Leitungen und Qualitätsentwicklungsprozesse. Dazu kommen evidenzbasierte Förderprogramme wie «Gut vorbereitet in den Kindergarten».

Für wen sind die städtischen Kita-Plätze reserviert?

Die Kita-Plätze in städtischen Einrichtungen wie der Kita Selnau sind Familien mit Wohnsitz in der Stadt Zürich vorbehalten. Es gibt explizit Plätze für Kinder mit besonderen Bedürfnissen und für Kinder aus dem Förderprogramm «Gut vorbereitet in den Kindergarten».

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