Das Wichtigste in Kürze
- Nur 14 Prozent der Kitas haben ausreichend Personal — in Ostdeutschland ist die Lage dramatisch
- Bundesweit fehlen 125.000 Fachkräfte; die Lücke wächst trotz steigender Ausbildungszahlen
- Die Kita-Pflicht-Debatte lenkt vom Kernproblem ab: fehlende Qualität in bestehenden Einrichtungen
- Drei Sofortmaßnahmen: vergütete Ausbildung, einheitlicher Personalschlüssel, bessere Arbeitsbedingungen
- Dänemark und Frankreich zeigen: Wer in frühe Bildung investiert, spart langfristig das Vier- bis Siebenfache
Ich sitze an einem Dienstagabend im A-Trane, meinem Stamm-Jazzclub in Charlottenburg. Ein Pianist spielt Monk — dissonant, eigensinnig, kein leichter Stoff. Draußen regnet es. Ich lese auf meinem Tablet die ersten Agenturmeldungen zum neuen Nationalen Bildungsbericht und denke: Auch dieser Bericht wird wieder dissonant sein. Unbequem. Und die Politik wird, wie immer, eine Weile brauchen, bis sie die Melodie versteht.
Am Montag, dem 15. Juni 2026, hat die Bundesregierung den Nationalen Bildungsbericht vorgelegt — das umfassendste Lagebild, das Deutschland über sein Bildungssystem erstellt. Alle zwei Jahre erscheint er. Und alle zwei Jahre sagt er im Kern dasselbe: Die Ungleichheit der Bildungschancen beginnt nicht erst in der Schule. Sie beginnt in den ersten drei Lebensjahren. Und sie ist eine direkte Folge eines Kita-Systems, das unter chronischem Personalmangel ächzt.
Der Bericht ist 400 Seiten dick. Ich habe ihn mir vorgenommen. Was ich gefunden habe, macht fassungslos — und wütend. Gehen wir es durch.
Was im Bildungsbericht steht: Die Lage ist ernst
Die zentrale Botschaft des Berichts lautet: Die Bildungsschere in Deutschland öffnet sich bereits vor dem dritten Lebensjahr. Kinder aus bildungsfernen Familien, Kinder mit Migrationshintergrund und Kinder aus strukturschwachen Regionen haben heute schlechtere Startchancen als noch vor vier Jahren. Der Grund ist nicht etwa, dass die Familien weniger engagiert wären. Der Grund ist ein Kita-System, das seinen Bildungsauftrag nicht mehr flächendeckend erfüllen kann.
Nur noch jede siebte Kita in Deutschland hat nach eigenen Angaben ausreichend Personal, um die Kinder ihrem Alter und Entwicklungsstand entsprechend zu fördern. Das ist keine neue Zahl — eine Erhebung der Bertelsmann Stiftung hatte diesen Wert bereits im Januar 2026 publik gemacht. Der Bildungsbericht bestätigt sie jetzt von Amts wegen. Und er geht weiter: In den ostdeutschen Bundesländern ist die Lage besonders dramatisch. In Brandenburg und Sachsen-Anhalt berichten weniger als zehn Prozent der Einrichtungen von einer auskömmlichen Personaldecke.
Gleichzeitig wächst die Nachfrage. Der Rechtsanspruch auf einen Ganztagsbetreuungsplatz für Grundschulkinder kommt ab 2026 schrittweise. Die demografische Entwicklung — weniger Kinder insgesamt — würde theoretisch für Entspannung sorgen. Aber sie wird durch den Fachkräfteschwund mehr als aufgefressen.
Die Personallücke: Zahlen, die man sich einrahmen sollte
Ich schreibe seit vierzig Jahren über deutsche Politik. Selten habe ich einen Widerspruch gesehen, der so beharrlich ignoriert wird wie dieser: Wir wissen exakt, wie viele Erzieherinnen und Erzieher fehlen. Wir wissen exakt, was das für die Kinder bedeutet. Und wir tun — nichts.
Der Bildungsbericht beziffert die Lücke auf bundesweit rund 125.000 fehlende Fachkräfte im Kitabereich. Vor fünf Jahren waren es noch 90.000. Die Lücke wächst also, und zwar schneller als jede Gegenmaßnahme greifen könnte. In Nordrhein-Westfalen, dem bevölkerungsreichsten Bundesland, registrieren Kommunen erste dauerhafte Gruppenschließungen — nicht wegen sinkender Kinderzahlen, sondern weil schlicht niemand mehr da ist, der die Gruppen betreuen kann. Eine Ruhrgebietsstadt hat vor wenigen Wochen begonnen, Erzieherinnen aus Südamerika anzuwerben. Die ersten Arbeitsverträge mit Kolleginnen aus Kolumbien und Chile sind unterschrieben.
Was mich besonders trifft: Die Zahl der Ausbildungsanfänger im Erzieherberuf ist in den letzten drei Jahren um acht Prozent gestiegen. Wir gewinnen also mehr junge Leute für diesen Beruf. Aber die Abbrecherquote liegt bei fast dreißig Prozent. Nicht weil der Beruf nicht erfüllend wäre — sondern weil die Ausbildungsbedingungen miserabel sind. Unbezahlte Praktika, Schulgeld, kein klares Karrierebild. Ich frage mich, wie lange wir uns das noch leisten wollen.
Das Quereinsteiger-Paradox: Mehr Ausnahmen als Regeln
Um die Personalnot zu lindern, haben fast alle Bundesländer die Zugangsvoraussetzungen für den Erzieherberuf gesenkt. Hessen hat ein eigenes Quereinsteiger-Gesetz verabschiedet. Bayern setzt auf eine verkürzte, praxisintegrierte Ausbildung. Rheinland-Pfalz erprobt ein Modell, bei dem Menschen mit nicht-pädagogischen Berufsabschlüssen innerhalb von achtzehn Monaten zur Fachkraft weitergebildet werden.
Ich halte das für grundsätzlich richtig. Wir brauchen dringend mehr Hände in den Kitas. Aber ich beobachte auch, dass der Begriff der Fachkraft zunehmend verwässert. Wenn jemand nach einem halben Jahr Einarbeitung dieselbe Verantwortung trägt wie eine Kollegin mit fünfjähriger Ausbildung, dann stimmt etwas im System nicht. Es geht nicht um Standesdünkel — es geht um die Frage, ob Bildungsarbeit mit den Kleinsten eine Profession ist oder eine Beschäftigung, die im Zweifel jede und jeder ausüben kann. Ich glaube, die Antwort ist eindeutig.
Die Betroffenen: Was der Mangel bei den Kindern anrichtet
Ein Kind, das mit zwei Jahren in die Kita kommt und dort auf eine überlastete Fachkraft trifft, die für sechs oder sieben Kinder gleichzeitig zuständig ist — dieses Kind bekommt nicht das, was es braucht. Es bekommt keine individuelle Sprachförderung, keine gezielte Bewegungsanregung, keine emotionale Begleitung bei Konflikten. Es wird beaufsichtigt. Betreut. Aber nicht gebildet.
Der Bildungsbericht macht das in trockenen Zahlen deutlich: Kinder aus Kitas mit schlechtem Personalschlüssel zeigen mit fünf Jahren signifikant häufiger Sprachdefizite, motorische Auffälligkeiten und sozial-emotionale Probleme als Kinder aus gut ausgestatteten Einrichtungen. Der Effekt ist unabhängig vom familiären Hintergrund. Aber er trifft Kinder aus benachteiligten Familien härter — weil diese seltener ein ausgleichendes Förderumfeld zu Hause haben.
Ich denke oft an eine Begegnung vor einigen Wochen. Eine junge Mutter im Prenzlauer Berg, Akademikerin, engagiert, sprach mich nach einer Lesung an: Ihr Sohn gehe seit einem halben Jahr in die Kita — und seitdem sei er aggressiver, unruhiger, weine häufiger. Ich habe damals gesagt: Das kann an der Eingewöhnung liegen, das braucht Zeit. Heute frage ich mich, ob es nicht auch an der Kita selbst gelegen haben könnte. An einer Einrichtung, die unterbesetzt ist und in der niemand Zeit hatte, diesen Jungen wirklich aufzufangen.
Die Kita-Pflicht-Debatte: Am Kern vorbei
Seit der Veröffentlichung des Bildungsberichts diskutiert die Politik über eine mögliche Kita-Pflicht. Die KMK-Vorsitzende Karin Prien brachte den Begriff der Bildungsschere ab Geburt ins Spiel. Ein Eltern-Magazin fragte plakativ: Brauchen wir eine Kita-Pflicht in Deutschland?
Ich sage Ihnen, was ich davon halte: nichts. Eine Kita-Pflicht ist eine Scheindebatte. Sie lenkt davon ab, dass wir die Qualität der bestehenden Einrichtungen nicht sichern können. Sie verschiebt die Verantwortung von der Politik auf die Eltern. Und sie ignoriert, dass viele Eltern ihre Kinder längst in die Kita bringen wollen — aber keinen Platz bekommen, weil die Gruppen geschlossen oder die Wartelisten endlos sind.
Nicht mal ein Viertel aller Kitas in Deutschland kann ihren Bildungsauftrag aktuell vollständig erfüllen. Bevor wir über eine Pflicht reden, sollten wir darüber reden, wie wir diese Quote umdrehen. Alles andere ist politisches Theater.
Drei Dinge, die jetzt passieren müssten
Wenn man mich fragt — und ich tue so, als täte man das — dann gibt es drei konkrete Handlungsfelder, die der nächste Bundestag anpacken müsste. Und zwar unabhängig von der Koalitionsfarbe.
Erstens: Die Erzieherausbildung muss bundesweit vergütet werden. Dass junge Menschen drei oder fünf Jahre lang für einen Beruf lernen, den das Land dringend braucht, und dafür kein Geld bekommen — das ist beschämend. Bayern und Baden-Württemberg haben die Vergütung eingeführt. Der Bund sollte das flächendeckend über ein Ausbildungspakt-Programm finanzieren. Die Kosten dafür lägen bei rund 800 Millionen Euro jährlich. Zum Vergleich: Die Herdprämie hat den Staat über zehn Jahre rund zwölf Milliarden Euro gekostet. Es ist eine Frage der Prioritäten.
Zweitens: Ein bundesweit einheitlicher, verbindlicher Personalschlüssel. Der aktuelle Flickenteppich — in Bremen kommt eine Fachkraft auf drei Krippenkinder, in Mecklenburg-Vorpommern auf sechs — ist bildungspolitisch nicht zu rechtfertigen. Der Bund sollte einen Mindestschlüssel vorgeben und die Länder über ein Sondervermögen Kitaqualität in die Lage versetzen, diesen auch zu erfüllen.
Drittens: Die Arbeitsbedingungen in den Kitas müssen endlich dem entsprechen, was wir von den Fachkräften erwarten. Das bedeutet: mehr Zeit für Vor- und Nachbereitung, verpflichtende Supervision, kleinere Gruppengrößen. Wer Kinder bilden soll, braucht selbst Raum zum Atmen.
Ein Blick über die Grenzen: Dänemark und Frankreich
In Kopenhagen hatte ich vor einigen Jahren einen Auftritt mit einer Jazz-Combo. Nach dem Gig kam ich mit dem Pianisten ins Gespräch. Er erzählte mir, dass seine Frau Erzieherin sei — und dass sie in Dänemark einen Betreuungsschlüssel von eins zu drei in der Krippe habe. Dazu sechs Wochen bezahlte Fortbildung im Jahr. Und ein Gehalt, von dem man in Kopenhagen leben könne.
In Frankreich ist die Lage ähnlich: Die école maternelle, die Vorschule ab drei Jahren, ist flächendeckend ausgebaut und personell gut ausgestattet. Die Erzieherinnen — dort éducatrices genannt — haben einen Bachelor-Abschluss und erhalten ein Gehalt, das mit dem von Grundschullehrkräften vergleichbar ist.
Natürlich sind Dänemark und Frankreich keine Blaupause für Deutschland. Andere Traditionen, andere Systeme. Aber eines zeigen beide Länder: Wer in frühe Bildung investiert, spart später. An Jugendhilfe, an Sonderschulzuweisungen, an Sozialtransfers. Der Bildungsökonom Ludger Wößmann hat vorgerechnet, dass jeder Euro, der in die frühkindliche Bildung fließt, langfristig vier bis sieben Euro an anderer Stelle einspart. Das ist keine linke Träumerei. Das ist kalte, harte Bildungsökonomie.
Mein Take: Der Skandal ist nicht der Mangel — der Skandal ist die Gewöhnung
Ich koche gern. Am Wochenende habe ich Königsberger Klopse gemacht — ein Rezept, das ich von meiner Mutter übernommen habe, die es wiederum von ihrer Mutter hatte. Kapern, Sardellen, feine Zitronennote. Das Rezept habe ich dutzende Male verfeinert. Es braucht Zeit, Sorgfalt, gute Zutaten. Wenn ich eine Zutat weglasse oder zu schnell rühre, schmeckt man das.
Mit der frühkindlichen Bildung ist es genauso. Wenn wir bei den Jüngsten sparen, schmeckt man das zwanzig Jahre später. Wir schmecken es an den Neuntklässlern, die nicht sinnerfassend lesen können. Wir schmecken es an den Ausbildungsbetrieben, die keine ausbildungsfähigen Schulabgänger mehr finden. Und wir schmecken es an einer Gesellschaft, die sich zunehmend fragt, warum eigentlich so wenig vorangeht.
Der Nationale Bildungsbericht 2026 ist ein Weckruf. Aber Weckrufe nützen nichts, wenn alle weiterschlafen. Ich beobachte die Bildungspolitik dieses Landes seit 1982. In diesen vierundvierzig Jahren ist der Fachkräftemangel in Kitas noch nie wirklich angegangen worden. Er wurde verwaltet. Hin- und hergeschoben. Vertagt. Was mich heute umtreibt, ist nicht der Mangel selbst — es ist der Gedanke, dass wir uns an ihn gewöhnt haben.
Und wissen Sie, was mich trotz allem hoffnungsvoll stimmt? Die jungen Leute. Die Erzieherinnen und Erzieher, die trotz beschissener Bedingungen jeden Morgen in die Gruppen gehen. Die Eltern, die Elterninitiativen gründen und ihrer Kommune auf die Füße treten. Die Bewegungen vor Ort, in den Städten und Gemeinden, die sagen: So nicht. Vielleicht ist der Bildungsbericht 2026 der Moment, an dem aus dieser Bewegung eine Mehrheit wird. Ich jedenfalls gebe die Hoffnung nicht auf. Dafür habe ich zu viele gute A-Trane-Abende erlebt, an denen aus einer Dissonanz eine neue Melodie entstanden ist.
Quellen
- Weser Kurier — Bildungsbericht 2026: Schere öffnet sich bereits vor dem Kita-Alter — 15.06.2026
- FAZ — Bildungsbericht 2026: Prien sieht Bildungsschere ab Geburt — 15.06.2026
- DIE ZEIT — Nationaler Bildungsbericht 2026: Bildungschancen in Deutschland immer noch stark abhängig von Herkunft — 15.06.2026
- eltern.de — Bildungsbericht 2026: Brauchen wir eine Kita-Pflicht in Deutschland? — 15.06.2026
- Deutsches Schulportal — Nationaler Bildungsbericht: Viele Reformen, wenig Fortschritt — 15.06.2026
- Bildungsklick — Kita-Ausbau verliert an Tempo, regionale Unterschiede nehmen zu — 16.06.2026
- Die Rheinpfalz — Trotz Hürden: Warum viele weiter Erzieher werden möchten — 14.06.2026
- Westfalen-Blatt — AWO muss Kita in Halle-Hesseln schließen — 11.06.2026
Dieser Artikel wurde am 17. Juni 2026 auf Basis des Nationalen Bildungsberichts 2026 sowie aktueller DACH-weiter Medienberichte recherchiert und verfasst.
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Häufige Fragen
Warum fehlen so viele Fachkräfte in deutschen Kitas?
Die Ausbildung ist in den meisten Bundesländern unvergütet, die Abbrecherquote liegt bei fast 30 Prozent, und der Beruf bietet wenig Aufstiegschancen. Gleichzeitig wächst der Betreuungsbedarf durch den Ganztags-Rechtsanspruch für Grundschulkinder ab 2026.
Was genau steht im Nationalen Bildungsbericht 2026 zur frühkindlichen Bildung?
Der Bericht belegt, dass sich die Bildungsschere bereits vor dem dritten Lebensjahr öffnet. Nur jede siebte Kita kann ihren Bildungsauftrag vollständig erfüllen. Besonders betroffen sind ostdeutsche Bundesländer und strukturschwache Regionen.
Wäre eine Kita-Pflicht die Lösung?
Nein. Eine Kita-Pflicht verschiebt die Verantwortung auf die Eltern, ohne die Qualität der Einrichtungen zu verbessern. Viele Eltern wollen ihre Kinder in die Kita bringen, finden aber keinen Platz. Bevor eine Pflicht diskutiert wird, muss die Qualität der bestehenden Kitas gesichert werden.
Was können Eltern tun, wenn ihre Kita unter Personalmangel leidet?
Eltern können sich an den Elternbeirat wenden, gemeinsam mit anderen Eltern das Gespräch mit dem Träger suchen und bei anhaltenden Problemen die zuständige Kommunal- oder Landesbehörde einschalten. Auch Elterninitiativen und der Kontakt zu lokalen Medien können Druck aufbauen.
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